Am Anfang ein Herzklopfen

Helmut Preußer seit 50 Jahren Organist: Kein anderes Instrument ist so vielfältig

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 29.9.2000)


Bremerhaven. Wer das Wohnzimmer von Helmut Preußer betritt, merkt sofort, welches sein Lieblingsinstrument ist: An den Wänden hängen Bilder von großen Orgeln Europas, rund um den Kamin glänzen mehrere große Orgelpfeifen, und ein Foto "seiner" Lobback-Orgel in der Herz-Jesu-Kirche überragt die Sitzecke.

Wenn Preußer in diesen Tagen die Register zieht, kann er auf 50 Jahre Organistenerfahrung zurückblicken. Seine Musikerlaufbahn hatte damals mit Herzklopfen angefangen: Als Sohn eines Landwirts und Winzers 1934 in Koblenz geboren, sang er früh im Kirchenchor. Mit zwölf Jahren begann er mit dem Klavierunterricht.

Ermunterung statt Donnerwetter

Drei, vier Jahre später, nachdem er dem Organisten beim Spielen oft zugeschaut hatte, setzte er sich selbst heimlich an die Orgel seiner Pfarrkirche. "Aber plötzlich hörte ich schnelle Schritte - der Organist kam." Doch statt des gefürchteten Donnerwetters gab es Ermunterungen.

Seinen Unterricht hat sich der 16-jährige Preußer mit Kirchenmusik verdient, sogar im strengen Nonnenkloster der Salesianerinnen durfte er spielen. Trotzdem hat er zunächst eine Banklehre abgeschlossen, bevor er in Vechta Lehramt studierte und seinen B-Schein in Kirchenmusik absolvierte.

"Ventil für den Schulalltag"

Dann verschlug es ihn an die katholische Alfred-Delp-Schule nach Bremerhaven, wo er bis zu seiner Pensionierung 1996 als Rektor Generationen von Schülern betreute und etliche auch an sein Lieblingsinstrument heranführte. "Die Orgel war für mich immer ein wichtiger Ausgleich, ein Ventil für den Schulalltag."

Kein anderes Instrument sei so vielfältig, schwärmt Preußer. Jedes Register habe einen anderen Ton, manche klingen wie Blockflöten, andere wie Posaunen. "Die 42 Register der Herz-Jesu-Orgel lassen theoretisch 2,5 Billionen Variationen an Klängen zu. Da kann ich auch nach 50 Jahren noch jeden Tag etwas Neues entdecken."

"Musik braucht keinen Dolmetscher"

Außerdem sei Musik "die unmittelbarste Kunst, für diese Sprache braucht man keinen Dolmetscher". Das habe er auf seinen zahlreichen Orgelreisen durch Europa erleben können, bestätigt der 66-Jährige. Er erzählt von der Eismeerkathedrale in Tromsö, von der weltgrößten Kirchenorgel in Passau und der Benediktiner-Abtei in Jerusalem. Oft durfte er die herrlichen Orgeln sogar spielen. In Spanien wurde er spontan gebeten, eine Hochzeit musikalisch zu begleiten, und bei den Passionsspielen in Oberammergau sprang er ein, als der Organist der Wieskirche ausfiel.

Die Reisen unternahm er eigentlich, um seine Bremerhavener Kirchengemeinde davon zu überzeugen, dass eine neue Orgel erforderlich sei. "Ich war bereits Organist an der St. Marien-Kirche, wollte aber erst in der Herz-Jesu-Kirche spielen, wenn dort eine vernünftige Orgel steht. Die Leute meinten allerdings immer, das alte Instrument spiele doch noch." Exkursionen durch ganz Norddeutschland und bis ins Rheinland sollte den Unterschied zwischen den Orgeln deutlich machen.

Orgelsachverständiger

Als 1981 die Lobback-Orgel in der Herz-Jesu-Kirche eingeweiht wurde, machte er sein Versprechen wahr und begann dort als Organist. Seit zwölf Jahren ist er zudem Orgelsachverständiger der Diözese Hildesheim. Doch im kommenden Jahr möchte Preußer sich aus den regelmäßigen Verpflichtungen zurückziehen und statt dessen mehr reisen: "Ich habe nicht den Ehrgeiz, so lange als Organist zu arbeiten, bis ich die Treppe nicht mehr hochsteigen kann." (bik)

 

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