Hilfe für die Lebensprobleme nach der Suchttherapie

Der Bremerhavener Verein "Sucht- und Problemhilfe" kümmert sich um Menschen, die sich wieder im Alltag bewähren müssen

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 26.11.1998)


Bremerhaven. "Ein klarer Kopf ist die beste Droge." Zu dieser Erkenntnis ist Torsten nach über siebenjähriger Suchtkrankheit gekommen. Geholfen hat ihm dabei die "Sucht- und Problemhilfe". Dem Verein um Lutz List herum geht es in erster Linie nicht um die Sucht selbst, sondern um die Lebensprobleme, die Suchtkranke nach einer Therapie zu Hause erwarten.

Lutz List war vor zwei Jahren nach einer Alkohol-Entziehungskur auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe. Als er keine fand, die ihm entsprach, gründete er eine eigene. "Das war natürlich auch eine ganz schöne Verantwortung für mich, ich durfte mich ja auch nicht überfordern", erinnert sich List. Mittlerweile ist aus der Gruppe ein anerkannter Verein mit 36 Mitgliedern geworden. Hilfe können aber auch Nicht-Mitglieder in Anspruch nehmen.

Bereitschaft zu reden ist wichtig

Dienstags und donnerstags um 19.30 Uhr treffen sich jeweils etwa zwölf Männer und Frauen im Gemeindezentrum der Pauluskirchengemeinde, um über ihre Probleme, aber auch Erfolgserlebnisse auf dem Weg in ein suchtfreies Leben zu berichten. "Dabei spielt es keine Rolle, von welchen Suchtmitteln sie abhängig waren", betont Lutz List. Wichtig sei nur, dass sie bereit sind zu reden.

So wie Norma, die an diesem Abend die Runde eröffnet. Sie berichtet von ihrer Arbeitssuche, die endlich positiv verlaufen ist. "Ich hab einfach aus dem Bauch heraus eine Anzeige aufgegeben und hatte heute ein sehr freundliches Vorstellungsgespräch. "Irgendwann muss meine Sonne ja auch mal scheinen." Die Arbeit wird ihr helfen, wieder ein Selbstwertgefühl aufzubauen, das ihr jahrelang von ihrem Ehemann zerstört wurde, so sehr, dass sie zur Flasche gegriffen hatte. Die anderen freuen sich mit ihr.

Therapie beginnt erst nach der Therapie

Jeder in der Gruppe kann der Reihe nach von sich erzählen. Lutz List moderiert dabei, lobt, hakt nach. "Bei uns wird keiner rausgeschmissen, weil er rückfällig geworden ist", sagt List. Der Rentner Otto ist schon oft rückfällig geworden. Jetzt hofft er aber, mit Hilfe der Gruppe trocken zu bleiben. "Hier werde ich auch mal in den Arm genommen und geführt, hier wird mir der Weg gezeigt."

Die eigentliche Therapie beginnt erst nach der Therapie, sind sich alle in der Gruppe einig. Denn dann kommen die Bewährungsproben. Wenn man den alten "Freunden" begegnet, wenn man einen Job sucht und frustriert wird, wenn die Angst wieder kommt, die man früher mit Alkohol und Tabletten unterdrückt hat. "Die Leute kennen ja ihre Probleme. Aber wenn es schwierig wird, kippen sie leicht um. Deshalb helfen wir ihnen auch bei Amtsgeschäften und Anträgen", erzählt Lutz List.

Bald fehlen Räume

Nach Möglichkeit würde List noch einen dritten Abend anbieten und eine ständige Anlaufstelle einrichten. Aber dem Verein fehlen die finanziellen Mittel. Und bald auch die Räumlichkeiten: Die Pauluskirchengemeinde wird das Haus an der Hafenstraße verkaufen. Wo der Verein dann bleibt, ist noch ungewiss. (bik)

 

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