Nur ein Ersatz für Gefühle

Morgen Premiere: "Grillparzer im Pornoladen"

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 30.9.2000)


Bremerhaven. "Als Intendant Grisebach bei mir anrief, meinte er, er habe hier ein Stück, bei dem er sofort an mich dachte, und das war dann 'Grillparzer im Pornoladen'. Da musste ich zuerst schlucken", gibt Gudrun Orsky zu. Die Regisseurin hat zwar in Zürich und Deutschland bereits einige Stücke zu Themen wie Inzest und Vergewaltigung inszeniert. Aber ein Pornoladen?

Sechs Wochen hat die Gastregisseurin an dem Stück von Peter Turrini geprobt. Am morgigen Sonntag ist Premiere im Kleinen Haus des Stadttheaters. Die anfängliche Scheu vor dem ungewohnten Szenarium ist verflogen, Orsky sieht viel Symbolisches in dem Stück: "Der Pornoladen bietet einen Ersatz für Gefühle, und es gibt leider Menschen, die dieses Surrogat brauchen."

Kein ungefährlicher Zweikampf

Zum Inhalt: Eine gut aussehende Dame (Isabella Wolf) geht in ein Fachgeschäft für Sex-Artikel und bittet um Beratung. Ein mürrischer Verkäufer (Berndt Stichler) scheint nicht sehr begeistert zu sein - er mag Frauen nicht. Die beiden Personen umkreisen sich und lassen ihrem Hass auf zerplatzte Illusionen, auf ihre Einsamkeit und auf einander freien Lauf. Ein nicht ungefährlicher Zweikampf, denn in dem Pornoladen liegen allerlei Utensilien für Sado-Maso-Spiele.

Weniger das Voyeuristische als vielmehr die Probleme und Ängste der beiden Personen auf der Bühne sind es, die Gudrun Orsky an dem Stück reizen - und die sie dem Publikum nahe bringen möchte. "Wenn auch nur ein einziger Zuschauer nach dem Theater nachdenklich geworden ist, habe ich Erfolg." Sendungsbewusstsein sei ein zu hohes Wort in diesem Zusammenhang, winkt sie ab, aber sicherlich habe es viel mit ihrer eigenen Person zu tun, welche Stücke sie inszeniert.

"Eine gute Erfahrung"

Ihre Biographie erzählt Orsky in Stichworten: Als Industriekauffrau verdiente sie sich ihr Studium an der Wiesbadener Schauspielschule ("Hart, aber eine gute Erfahrung"), lernte dann in Frankfurt bei Fritz Remot ("Theater von der Pique auf"). Anschließend zwölf Jahre Assistentin und Schauspielerin am Schauspielhaus Zürich, von 1989 bis 1993 Leiterin des Züricher Theater am Neumarkt. Zwischendurch und danach arbeitete sie wieder als freie Regisseurin ("eine bewusste Entscheidung"), inszeniert in Regensburg, Bamberg, und nun Bremerhaven.

Das Stück des Österreichers Turrini sei nicht leicht umzusetzen gewesen, sagt Orsky: "Er macht keine klare Vorgaben, wie eine Rolle gemeint ist, seine Figuren sagen nie, was sie denken." Da helfe nur die eigene Lebenserfahrung. Um die zu erweitern, besuchten Regisseurin und Schauspieler am Anfang der Proben auch einen Pornoladen - Theater stilecht. (bik)

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