Strümpfe anziehen wird nicht bezahlt

Krankenschwester der Sozialstation Beverstedt-Hagen im Wettlauf mit der Zeit - Kasse berechnet für eine Tablettengabe fünf Minuten

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 14.11.2000)


Beverstedt. 6.36 Uhr: Gisela Fißler schließt die Tür auf und betritt die Wohnung ihrer ersten Patientin. Die examinierte Krankenschwester bei der Sozialstation Beverstedt betreut seit zwölf Jahren hilfsbedürftige Menschen in und um Lunesteht. Bis zum Mittag stehen 22 Hausbesuche auf ihrem Plan.

Immer im Wettlauf mit der Zeit, immer aber auch bemüht, den menschlichen Kontakt nicht zu kurz kommen zu lassen. So wie bei ihrer ersten Patientin: Es duftet nach Brötchen, die Kaffeemaschine blubbert in der Küche. Die Diabetikerin, die täglich eine Insulin-Spritze braucht, freut sich auf ihre Tochter, mit der sie einen Ausflug unternehmen wird. "Das hatten Sie mir noch gar nicht erzählt", sagt Schwester Gisela, während sie die Spritze entsorgt. "Aber morgen sind Sie wieder da? Dann kommt Schwester Marion, ich habe am Wochenende frei."

Zwölf Tage Arbeit am Stück

Wenn Gisela Fißler auch sonnabends und sonntags unterwegs ist, bedeutet das für die Ganztagskraft zwölf Tage Arbeit am Stück. Jeder Einsatz wird minutiös notiert: Ankunft, Abfahrt, Fahrtzeit, Leistung. Wenn so viel los ist wie zurzeit, kommen schnell Überstunden zusammen. "Manchmal werden Krankenhauspatienten am Wochenende entlassen, dann kriegen wir einen Anruf und müssen sie kurzfristig in unsere Tagesliste aufnehmen." Dann kommt der Zeitplan ziemlich durcheinander.

Denn der ist straff. 7.03 Uhr, die vierte Patientin heute. Die alte Dame bekommt ebenfalls eine Insulin-Spritze und eine Bandage um die Füße. "Früher habe ich ihr auch noch die Beinstütze umgelegt", erzählt Schwester Gisela und weist auf die Schiene neben dem Wohnzimmerschrank. "Das wird jetzt aber nicht mehr von der Krankenkasse übernommen, sondern von der Pflegekasse." Die Tochter wird der alten Dame später helfen.

Serviceleistungen sind umsonst

Das Anziehen der Strümpfe wird ebenfalls nicht bezahlt, aber "das ist eine Serviceleistung", sagt Schwester Gisela lächelnd. Zu ihrer Überraschung hält die alte Dame eine Tüte mit Obst und Süßem bereit. "Nehmen Sie das mit, Schwester Gisela, habe ich Ihnen extra eingepackt, für Ihr Frühstück."

Ob die Krankenschwester allerdings zum Frühstücken kommt, ist fraglich. Schließlich warten noch 18 Patienten auf ihre Hilfe, die meisten von ihnen sind zwischen 80 und 90 Jahren alt. Für manche ist sie die einzige Hilfe, bei anderen kommt noch eine Pflegerin, oder die Familienangehörigen kümmern sich um die Kranken.

Zeitvorgaben zur internen Berechnung

Als sie um 8.23 Uhr bei einer Patientin eintrifft, die Tabletten verabreicht bekommt, scherzt Schwester Gisela: "Noch liegen wir gut in der Zeit." Doch neun Minuten später hinkt sie bereits dem Plan hinterher. "Für eine Tablettengabe berechnet die Krankenkasse fünf Minuten. Das ist aber nur zu schaffen, wenn die Patientin die Medikamente sofort schlucken kann." Das klappt aber nie bei dieser älteren Frau, die an Alzheimer leidet.

Die Zeitvorgaben seien selbstverständlich nur zur internen Berechnung, erklärt Schwester Gisela. Eine Minute, eine Mark, so wird das Geld der Krankenkassen auf die Leistung umgerechnet. Seit die Sozialstation eine GmbH geworden ist und die Gesundheitsreform einige Hilfen gestrichen hat, ist das Unternehmen zur Wirtschaftlichkeit gezwungen. "Trotzdem machen wir die notwendigen Dinge, auch wenn wir sie nicht abrechnen können." Dafür gibt es eine Extraleiste im Einsatzplan von Schwester Gisela. "Sonderleistungen" steht da, bei manchen Patienten häufen sich dort die Minuten.

"Teil der Familie"

8.52 Uhr. Visite bei einem an Lungenkrebs erkrankten Patienten, der gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Sein Blutzuckerspiegel gibt Anlass zur Sorge. "Natürlich sind wir auch mit dem Tod konfrontiert", sagt die Sozialschwester. "Besonders schlimm ist es, wenn wir erleben, dass ein recht junger Mensch monatelang leidet und dann stirbt." In der wöchentlichen Dienstbesprechung mit den anderen vier Krankenschwestern der Station und den Pflegerinnen wird auch das thematisiert. "Ich bin damit nicht allein, das ist ganz wichtig."

Spritzen geben, Verbände anlegen, waschen, baden, Blutdruck messen, Windeln wechseln, aber auch schon mal ein Rezept beim Arzt abholen, all das gehört zu Schwester Giselas Aufgaben an diesem Morgen. Mit vielen Patienten duzt sie sich. "Ich bin ja bei manchen schon ein Teil der Familie, so lange komme ich zu ihnen." Da kriege sie eine Menge mit. Im Krankenhaus, wo sie zuvor gearbeitet hat, war das nicht so - da blieben die Kranken nur kurz, und mit den Angehörigen habe sie da wenig zu tun gehabt.

Selbstvorwürfe und Glücksgefühl

11.15 Uhr, acht Patienten später, und viele Minuten hinter dem Zeitplan. Ein schlimmer Fall von Dekubitus, ein offenes Druckgeschwür. "Wir versuchen alles, um das zu verhindern, aber manchmal passiert es doch." Dann mache sie sich selbst Vorwürfe, ob sie etwas falsch gemacht habe. "Das nehme ich dann auch nach Hause mit."

12.35 Uhr. Eine Insulin-Patientin wartet bereits auf sie und die Spritze. Das geht schnell. Eine letzte Patientin noch. Sie liegt seit einem Schlaganfall im Bett und wird künstlich ernährt. Plötzlich versucht die Frau zu sprechen - seit Wochen zum ersten Mal. Das ist auch für Gisela Fißler ein Glücksgefühl. Dann weiß sie wieder, warum sie Krankenschwester geworden ist: "Ich kann den Menschen helfen." (bik)

 

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