Tang Binbin: Ich werde Zirkusdirektor

Zwölfjähriger ist mit "Zylindernummer" einer der Stars im Chinesischen Staatszirkus

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 28.11.1998)


Bremerhaven. Noch etwas müde sitzt ein kleiner kahlgeschorener chinesischer Junge im Hotelfoyer und jongliert mit einer gerollten Serviette. Der Zwölfjährige ist Tang Binbin, einer der Stars des Chinesischen Staatszirkus, der noch bis einschließlich Sonntag hier gastiert. Eigentlich ein ganz normaler Junge, der am liebsten mit seinem Gameboy spielt, und dennoch ist Binbin eine große Ausnahme.

Junge Akrobaten werden in China in speziellen Schulen ausgebildet, bis sie mit 14 oder 15 Jahren ihr Diplom erhalten. Dann haben sie eine Chance, auch in Europa aufzutreten. Doch der kleine Binbin hat es bereits geschafft: Seit fünf Jahren ist er an der berühmten Guandong-Zirkusschule, seit drei Monaten tourt er mit dem Staatszirkus durch Holland und Deutschland

Als Siebenjähriger nach Guandong

Sein akrobatisches Talent wurde früh entdeckt: "Meine Eltern sind Bauern und haben Fischteiche. Ein Lehrer der lokalen Artistenschule ging eines Tages dort fischen und sah mich", erzählt Binbin. Der Lehrer merkte, dass der damals Fünfjährige sehr flexibel und voller Energie war, und nahm ihn zu sich. Nach zwei Jahren kam er dann zur Guandong-Schule. "Meine Eltern waren sehr stolz auf mich, aber ich war noch zu klein, um zu verstehen, was das bedeutet."

Die Guandong-Schule ist unter den 450 chinesischen Akrobatenschulen so etwas wie das Bolschoi-Theater im russischen Ballett. Allerdings musste der kleine Binbin dafür ins Internat. Morgens um 7.30 Uhr begann dort sein Tag. Vor dem regulären Schulunterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen standen vier Stunden Training auf dem Programm: Flips, Handstand, Salti. Später spezialisieren sich die Schüler, je nach ihrem besonderen Talent.

Weiche Beine sind notwendig

Binbin entdeckte die "Zylindernummer" für sich, die er zur Zeit auch auf dem Wilhelm-Kaisen-Platz vorführt. Dabei klappt er seinen gelenkigen Körper so zusammen, dass er bis zu den Schultern in eine enge Röhre paßt - die Beine schauen allerdings noch vorne heraus. "Du musst vor allem deine Beine weich kriegen, dann geht es ganz einfach", meint Tang Binbin. Der Zylinder muss allerdings immer mit dem Körper wachsen - sonst kann es geschehen, dass Binbin in der zu kleinen Röhre steckenbleibt. In Holland ist ihm das schon bei einer Show passiert.

Vor kurzem hat er damit begonnen, einige Clown-Nummern zu lernen. "Dafür bist du viel zu ernst", wehrt Zhang Liqing, die Dolmetscherin des Zirkus, lachend ab. Aber der berühmte Clown Popow sei ja auch ein sehr ernster Mensch gewesen.

Binbin liebt Süßes

Der Zwölfjährige macht seinem Namen alle Ehre: Binbin heißt in etwa, dass sich jemand immer ordentlich und korrekt verhält. Er sei auch tatsächlich immer sehr sorgfältig und vergesse - im Gegensatz zu manchem älteren Akrobaten - nie ein Requisit im Hotel, erzählt Zhang Liqing. Und auch sein Nachname paßt zu ihm: Tang bedeutet Süßigkeit, und sein Lieblingsessen ist Eiscreme.

"Heimweh habe ich am Anfang schon gehabt", gibt er lächelnd zu, "aber jetzt geht das schon." Das ganze Zirkusteam sei ja seine Familie, die ihm viel Aufmerksamkeit schenke. Auch an den Trubel um seine Person hat er sich gewöhnt: Bei Günther Jauchs "Stern-TV" hat er bereits souverän ein Live-Interview gegeben. Selbstbewusst, aber doch mit einem kurzen Seitenblick auf den Direktor Ning Genfu, sagt Binbin: "Irgendwann möchte ich einmal der Chef dieser Truppe sein." (bik)

 

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