"Ich dachte, jetzt geht die Welt unter"

Nach Gasexplosion stehen Bewohner und Nachbarn unter Schock

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 21.11.2000)


Bremen. Ein "ohrenbetäubender Knall" hatte Günter Wegener gegen 11 Uhr aufgeschreckt. Das Büro des Bremers liegt 100 Meter von dem Haus entfernt, das am Montag nach einer Gasexplosion eingestürzt war. "Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich eine Riesenstichflamme, dann fiel das Gebäude in sich zusammen."

Von dem vierstöckigen Haus steht kein Stein mehr auf dem anderen. Auch die Nachbarhäuser sind stark beschädigt. Mit Kran und schweren Räumfahrzeugen versuchen die Rettungsmannschaften, die Trümmer von oben abzutragen, bevor noch mehr einstürzt.

Einsturzgefahr erschwert Suche

Insgesamt waren 30 Menschen in dem Haus polizeilich gemeldet. Die Heilsarmee vermietete hier 22 Seniorenwohnungen. Zwölf meist leicht erletzte Bewohner konnten gleich nach der Explosion gerettet werden, fünf Nachbarn wurden durch Glassplitter leicht verletzt. Wie viele Personen vermisst werden, war am Abend noch unklar.

Die Einsturzgefahr erschwert die Suche nach Überlebenden. Mit drei Verschütteten hatte die Feuerwehr schnell Kontakt per Handy, berichtet Einsatzleiter Karl-Heinz Knorr. Die zwei Frauen und der Mann waren zum Zeitpunkt des Unglücks im zweiten Stock doch wo sich dieses Geschoss jetzt befindet, lässt sich in dem zusammengefallenen Haus schwer sagen.

Suchhunde im Einsatz

Mit hochsensiblen Ortungssonden des Technischen Hilfswerks Bremerhaven und Suchhunden versuchen sie, alle Verschütteten zu lokalisieren. Der Hausmeister soll kurz vor der Explosion in den Keller gegangen sein von ihm gab es zunächst kein Lebenszeichen.

Einige Dächer in der Nachbarschaft sind halb abgedeckt, Gardinen flattern durch zerbrochene Fenster, Glasscherben liegen im Umkreis von einigen hundert Metern auf dem Bürgersteig. Auch die Schaufenster einer Fußpflegerin sind zersplittert. "Es war wie im Krieg", erzählt die Inhaberin. Sogar in einer nahegelegenen Schule seien zwei Scheiben eingedrückt worden, berichtet Edis Ajkunic. Der Zwölfjährige sagt: "Ich dachte, jetzt geht die Welt unter."

Betreuung im Café

Eine Frau erkundigt sich bei einem Hundeführer, ob die Wand des Nachbarhauses noch steht. Sie hat die Explosion dort im Wohnzimmer erlebt. "Ich bin glatt aus dem Sessel gekippt", sagt sie und läuft, immer noch erschrocken, wieder zu dem Café in der Nebenstraße, in dem die Anwohner medizinisch und seelsorgerisch betreut werden.

Die Menschen hier stehen unter Schock, einige schauen glasig vor sich hin, andere klammern sich an die heiße Tasse Kaffee. Eine Nachbarin hatte Glück im Unglück: Nur durch einen Telefonanruf war sie noch in ihrer Wohnung. "Sonst hätte mich die Wucht der Explosion auf der Straße erwischt. Ob ich das überlebt hätte?", fragt sie sich und streichelt ihren Schäferhund, der sichtlich verwirrt auf dem Boden liegt. Die Leute in dem zerstörten Haus habe sie gekannt, sagt sie und wischt sich über die Augen: "Ob da wohl noch welche unter den Trümmern sind?" (bik)

 

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