"Das geht an die Nieren"

Aufräumarbeiten gehen weiter - Anwohner evakuiert - Helfer arbeiten bis zur Erschöpfung

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 22.11.2000)


Bremen. Die Glasscherben in der Bremer Neustadt sind weggeräumt, die meisten Fensterscheiben ersetzt. Auch die Straßenbahn fährt wieder. Aber der Alltag ist einen Tag nach der Explosion eines Seniorenheimes noch nicht eingekehrt. Rettungsmannschaften suchen immer noch Vermisste unter den Trümmern.

Die Fahrgäste in der Straßenbahn schauen ernst in die Straße, in der nur noch ein Schuttberg von dem Haus zeugt, in dem bis Montag Vormittag 31 Menschen gelebt haben. Ein Spezialbagger hebt vorsichtig die Betonteile auf. Immer wieder hält er inne, damit die Einsatzkräfte jeden einzelnen Stein umdrehen können.

Betroffenheit hinter der Absperrung

Ein staubbedeckter Feuerwehrmann ruht sich kurz bei einer Tasse Kaffee aus. Die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Etwa hundert Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Polizei sind im Einsatz. Mehrere Tote haben sie bereits bergen müssen. "Das geht an die Nieren", murmelt ein erschöpfter Retter. Wenn der Leichenwagen wegfährt, geht ein betroffenes Raunen durch die Menschenmenge hinter der Absperrung: "Wie viele da wohl noch kommen werden?"

Am Vormittag dürfen einige Nachbarn für kurze Zeit in ihre beschädigten Wohnungen, um persönliche Sachen zu packen. Unter ihnen ist auch Erich Ahorner. Der Student hatte ein Zimmer in dem Wohnheim gegenüber dem Unglückshaus. Er hat die Explosion in der Hochschule erlebt: "Das ganze Gebäude schien ein wenig einzusacken, und die Fensterscheiben haben geklirrt."

Risse in allen Wänden

Dass er aber selbst von der Explosion betroffen ist, hat Ahorner erst am Montag Nachmittag gemerkt: "Ich war noch einkaufen, und als ich dann ins Wohnheim wollte, fragte mich ein Polizist, wo ich denn hin will. Als ich sagte ‚Geschwornenweg‘, meinte der nur: ‚Nee, das geht nicht, heute nicht und morgen auch nicht.‘"

Am Dienstag konnte er kurz ins Wohnheim. In seinem Zimmer, das nach hinten liegt, ist nicht viel beschädigt, "nur alles um zehn Zentimeter verschoben durch die Druckwelle". Aber in anderen Räumen zur Straße hin ist alles verwüstet. Vorübergehend kommt Ahorner bei Freunden unter. Was danach geschieht, weiß er noch nicht: "In den Wänden sind überall Risse. Ob wir da noch mal einziehen können, glaube ich nicht." (bik)

 

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