"Mobiles Theaterlabor" wird wieder sesshaft

Das Junge Theater Bremen zieht für ein Jahr in die Lagerhalle eines Güterbahnhofs um

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 30.11.2000)


Bremen. Ein Theater ohne feste Bühne ist zurzeit das Junge Theater in Bremen. Im Februar sind die Theaterleute aus ihrem alten Haus ausgezogen, haben in der Zwischenzeit in Parkhäusern und Gaststätten gespielt, in Wohnzimmern und Galerien. Doch in diesen Wochen bezieht das Ensemble wieder eine eigene Spielstätte - mindestens für ein Jahr ist es im Güterbahnhof untergekommen.

Eigentlich wollte das Junge Theater bereits in seine zukünftige feste Spielstätte umziehen: die Schwankhalle in der Bremer Neustadt. Doch der Umbau der ehemaligen Brauerei hat sich verzögert. Karsten Werner, Pressesprecher des Jungen Theaters, rechnet erst Ende kommenden Jahres damit, dass das Gebäude fertig wird.

"Enorm umständlich"

Bis dahin richtet sich das Ensemble in einer Halle im Güterbahnhof ein. Noch ist es kalt und zugig hier. Umzugskarton stapeln sich neben alten Kulissen. Doch schon im Januar soll hier der Spielbetrieb beginnen - mit der Wiederaufnahme von Marc Ravenhills Stück "Shoppen und Ficken". Auch die "Disko Pigs" von Enda Welsh und die Oliver-Sacks-Geschichte "www.MannFrauHut.de" werden wieder aufgenommen, zwei bis drei neue Produktionen ergänzen das Programm.

Karsten Werner freut sich darüber, dass nun endlich wieder alles, was zum Theater gehört, an einem Ort vereint ist: "In der Zwischenzeit hatten wir zwei Lager, ein Büro und zwei Probebühnen an verschiedenen Orten in der Stadt. Dazu diverse Spielstätten - es war enorm umständlich. Jetzt ist es besser."

Spartenübergreifende Zusammenarbeit geplant

Das soll auch in der Schwankhalle so bleiben. Hier ist ein Kunstzentrum geplant in dem verschiedenen Künstler wie das Ensemble des Jungen Theaters mit Jazz-Musikern und einer bekannten Tanzkompanie zusammenarbeiten. Karsten Werner: "Wir wollen spartenübergreifend kooperieren, ohne gleich definieren zu müssen, ob es nun Musiktheater, Oper oder Musical ist."

Auch die Kleinkunst wird das Junge Theater dann wieder in eigenen Räumen fördern. "Es ist sehr selten, dass ein Off-Theater auch als Veranstalter auftritt", erklärt Werner, "bei uns machten Auftritte von Tim Fischer, Gayle Tufts oder Cora Frost immerhin 50 Prozent aller Veranstaltungen aus." Ob leise Chansons schon in der Lagerhalle am Güterbahnhof aufgeführt werden können, müsse man zunächst ausprobieren. "Es ist nicht alles so einfach übertragbar."

Künstlerisch befreiende Arbeit

Diese Erkenntnis hat das Ensemble bereits in der heimatlosen Zeit gewonnen. Doch die Arbeit in den vergangenen Monaten war künstlerisch auch sehr befreiend, sagt Karsten Werner: "Wenn wir ein Stück im Parkhaus aufführen, gehört der Raum bereits zum Konzept mit ganz neuen Möglichkeiten."

Die Zuschauerzahlen sind, im Vergleich zur festen Spielstätte in der Friesenstraße, sogar noch besser geworden. "Vor allem das jüngere Publikum war neugierig auf die neuen Spielstätten." Aber statt zuvor 300 Aufführungen gab es im Jahr 2000 nur etwa 100 Vorstellungen. Damit einher gingen auch Einbußen bei den Einnahmen. Doch künstlerisch hat sich das "mobile Theaterlabor", wie das Ensemble die vergangenen Monate scherzhaft nannte, gelohnt.

"Auf die Jungen konzentrieren"

Jetzt tritt erst einmal eine Phase des "stationären Theaterlabors" ein, bevor in einem Jahr erneut die Kisten und Kulissen gepackt werden. Mitnehmen will das Junge Theater aus dieser Umbruchzeit den Mut, wieder mehr Experimente zu wagen.

Hier sieht Werner eine Chance für die Bremer Theaterszene insgesamt. "Die Etablierten und Großen kommen nicht unbedingt nach Bremen, also sollten wir uns auf die Jungen konzentrieren." (bik)

Externe Links:

 

Hier geht's zurück zur NZ