Kunstsprache erleichtert die weltweite Verständigung

Esperanto wird nicht nur innerhalb von Vereinen gepflegt

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 2.1.2001)


Bremen. Am Arbeitsplatz von Franz Kruse ist Englisch die Umgangssprache. Kruse arbeitet als Informatiker bei Astrium, dem Bremer Raumfahrtunternehmen. Daneben beherrscht er aber eine Sprache, die bei seinen Kollegen und Freunden immer wieder Erstaunen erregt: Esperanto, die weltumspannende Kunstsprache.

Mit 19 Jahren begann sein Interesse für diese Sprache: "Ich hatte vorher nur diffuse Vorstellungen davon, was das eigentlich ist." Als ihm ein Freund ein Lehrheft gab, hat sich der sprachenbegeisterte Franz Kruse Esperanto in wenigen Monaten selbst beigebracht.

Viele Missverständnisse

Auf Veranstaltungen traf er dann andere Esperantisten. Da erst verstand er, was es mit dieser Sprache auf sich hatte. "Dahinter steckt kein Geheimbund, wie manche meinen, und wir wollen auch nicht die anderen Sprachen oder Kulturen abschaffen." Hier begegnen Franz Kruse viele Missverständnisse.

Vor mehr als 100 Jahren hatte der polnische Arzt Ludwig Zamenhof die Idee, eine Plansprache zu entwickeln, die niemanden bevorzugt oder benachteiligt. Sie besteht aus Wortelementen hauptsächlich aus dem indo-europäischen Raum, ist aber in ihrer Grammatik stark vereinfacht: So gibt es keine komplizierten irregulären Verbformen wie im Deutschen (singen - gesungen). Auch folgen die Worte einem strikten Muster: Hauptwörter enden auf -o (telefono: Telefon), Verben auf -i (telefoni: telefonieren) und Adjektive auf -a (telefona: telefonisch). Verben werden nicht nach Person und Anzahl verändert, und auch die Zeitformen bleiben stets gleich.

"Nichts für Leute, die nicht über den Gartenzaun schauen"

"Esperanto ist im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen relativ einfach zu erlernen", sagt Kruse. "Aber es ist eine Sprache und damit komplex." Neue Worte werden so gebildet wie in anderen Sprachen auch: Jemand "erfindet" einen Ausdruck, und der setzt sich durch - oder nicht.

Rund um die Welt ist Franz Kruse mit Esperanto gereist: In Europa, in den USA und im Ostblock hat er dadurch Freunde gefunden. Vor allem für den Austausch mit Polen hat er sich bereits eingesetzt, als der Eiserne Vorhang noch geschlossen war. "Esperanto ist nichts für Leute, die nie über den Gartenzaun schauen und im Urlaub auf Mallorca Eisbein bestellen."

Zeitschriften und Buchübersetzungen

Schätzungsweise drei Millionen Menschen sprechen Esperanto, unter ihnen sogar der Papst. Zahlreiche Zeitschriften, Rundfunksendungen und Buchübersetzungen gibt es in Esperanto. Vor allem in West- und Osteuropa, China und Japan ist Esperanto stark verbreitet. Aber nicht alle, die Esperanto sprechen, sind in Vereinen organisiert, weiß Franz Kruse. Auch der Bremer Verein, zu dem Kruse gehört, hat Nachwuchsprobleme. "Dabei werden es bei den bundesweiten und internationalen Veranstaltungen immer mehr Gäste. Das zeigt, dass die Bewegung nicht mehr so stark an Vereinen hängt."

Ob Esperanto einmal Weltsprache wird, wie es sich ihr Schöpfer Zamenhof vorgestellt hatte? "Warum nicht? Früher sprach ja auch alle Welt Französisch, so wie heute Englisch, warum nicht irgendwann einmal Esperanto?" Aber eigentlich kommt es ihm gar nicht darauf an. Ihm sind die persönlichen Kontakte mit anderen Esperantisten viel wichtiger.

Einzige Sprache in multinationalen Familien

Seine Frau beherrsche auch Esperanto, erzählt Franz Kruse, und die Kinder haben viel mitbekommen. Aber zweisprachig haben sie sie nicht erzogen, obwohl es multinationale Familien gibt, in denen Esperanto gesprochen wird - als einziger gemeinsamer Sprache. (bik)

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