20 Notfälle in jeder Aufnahmenacht

Wenn das zweite Telefon klingelt, muss alles ganz schnell gehen

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 4.1.2000)


Bremerhaven. Die Klingel schrillt, der Monitor flackert auf und zeigt einen Mann vor der Tür der Notaufnahme im Krankenhaus Reinkenheide. Schwester Frauke stellt den Kaffee auf den Tisch, nimmt den Hörer der Sprechanlage: "Notambulanz, ja bitte?" Sie bittet den Mann ins Wartezimmer. Es ist zwei Minuten nach Mitternacht.

"Der Mann ist von einem Hund gebissen worden", erklärt Schwester Frauke, geht zum Wartezimmer. Bevor sie seine Daten von der Krankenkassenkarte überträgt, lässt sie sich den Vorfall schildern, begutachtet die Wunde. "Sieht nach einem Kratzer aus. Sind Sie gegen Tetanus geimpft?" Der Mann schüttelt den Kopf: "Das ist schon Jahre her." Schwester Frauke begleitet den Patienten durch zwei automatisch öffnende Stahltüren in Behandlungszimmer zwei. "Der Arzt schaut sich das gleich an."

"Hundebiss nicht nähen"

Das Krankenhaus Reinkenheide hat alle drei Tage chirurgischen Notdienst. In den anderen Nächten sind zwei Schwestern vor Ort, die Ärzte haben Rufbereitschaft. "Wir schicken aber niemanden weg, auch wenn wir keinen Aufnahmetag haben", versichert Schwester Frauke. Sie informiert einen der Ärzte über den Hundebiss, überträgt die Daten des Patienten in ein großes Buch. Als der Doktor aus dem Behandlungszimmer kommt, gibt sie dem Patienten eine Tetanus-Spritze, desinfiziert und verbindet die Wunde. "So ein Biss darf nicht genäht werden, sonst entzündet er sich." Zur Vorsicht schickt sie ihn noch zum Röntgen, falls doch ein Knochen verletzt ist.

Im Bereitschaftszimmer klingelt ein Telefon. Dunja, die zweite Nachtschwester, antwortet. Eine Mutter möchte wissen, ob sie ihr Kind mit starken Ohrenschmerzen in die Ambulanz bringen soll. Wenn das zweite Telefon klingelt, kündigt die Rettungsleitstelle Schwerverletzte an. Dann geht alles ganz schnell: Die Nachtschwestern alarmieren die Ärzte, füllen die Notfallvoranmeldung aus. Sie stellen EKG, Beatmungsgerät und andere Instrumente bereit. Kommt der Rettungswagen an, wird der Patient sofort in einen der großen Behandlungsräume geschoben. Jeder Handgriff muss sitzen. Die Schwestern unterstützen bei Diagnose und Röntgen, bringen den Patienten zum OP in den zweiten Stock.

Nur kleine Verletzungen in dieser Nacht

In dieser Stunde bleibt das zweite Telefon still: nur kleine Verletzungen in dieser Nacht. Wie der Arbeitsunfall eines Mannes. Ihm ist ein schwerer Gegenstand auf den Fuß gefallen, der Verletzte humpelt. Schwester Dunja setzt ihn auf eine Liege in Zimmer drei, schickt den Arzt hinein. Der Patient mit dem Hundebiss ist entlassen worden, auf dem Röntgenbild war nichts zu erkennen gewesen. Der Arzt befragt den Arbeiter zum Unfallhergang, schaut sich den Fuß an. Anschließend stützt er ihn auf dem Weg zum Röntgen.

Im Durchschnitt kommen in einer Aufnahmenacht 20 Notfälle in die Ambulanz. Die meisten können jedoch nach kurzer Untersuchung und Versorgung wieder entlassen werden. "Am Wochenende kommen besonders viele, die in Schlägereien verwickelt sind", erzählt Schwester Dunja, "sonst sind es mehr Patienten mit Schmerzen oder eben Arbeitsunfällen." Der humpelnde Mann kommt aus der Radiologie am Ende des Flures, Schwester Frauke legt ihm einen Elastikverband an. Er hat nur eine Verstauchung, kann mit einer Krankschreibung nach Hause. Frauke zieht das Laken ab, auf dem der Patient gelegen hat.

"Abwechslungsreiche Aufgaben"

Ruhe kehrt ein. Im Schwesternzimmer unterhalten sich die Ärzte, Schwester Frauke listet die Apothekenbestellung für den nächsten Tag auf, und Schwester Dunja räumt Instrumente auf. Es ist kurz vor ein Uhr. Noch fünf Stunden Dienst. Schwester Dunja arbeitet seit neun Jahren in der Notaufnahme: "Die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich. Wir haben ständig neue Patienten und alle medizinischen Fachgebiete, da kommt keine Langeweile auf." Sie setzt sich ins Bereitschaftszimmer, schenkt sich einen Kaffee ein. Doch bevor sie einen Schluck treinken kann, schrillt erneut die Türglocke, der Monitor flackert auf. "Notambulanz, ja bitte?" (bik)

24 Stunden - 24 Reportagen. NZ-Reporter waren einen Tag lang in Bremerhaven unterwegs und haben das Besondere im Alltäglichen gesucht. Heute: die Stunde von 0 bis 1 Uhr.

 

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