Zöllner auf Schmugglerjagd

Mit Spürhund, Pistole und Taschenlampe zwischen vier und fünf Uhr nachts im Hafengebiet

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 8.1.2000)


Bremerhaven. Als sich Rolf Tangemann ans Steuer seines weißen Dienstwagens setzt, meldet er sich bei der Funkzentrale zum Einsatz bereit. Es ist vier Uhr nachts. Der Zollkommissar gehört zum Grenzaufsichtsdienst Land und sorgt mit dafür, dass Schmuggler in den Bremerhavener Häfen keine Chance haben.

"Wegen einer Sturmflutwarnung sind im Fischereihafen heute keine neuen Schiffe gekommen, deshalb unterstützen wir im Freihafen die Zollämter", erklärt Tangemann auf dem Weg vom Zollkommissariat im Fischereihafen zum Zollübergang am Container-Terminal (CT). Dort verstärken zwei Hauptzollsekretäre in grünen Jacken die Zollabfertigung.

Stichproben beim Löschen

Zollamt und Zollkommissariat arbeiten zwar zusammen, sind aber unterschiedliche Behörden. Das Hauptzollamt prüft routinemäßig die Ein- und Ausfuhr von Waren, das Zollkommissariat kontrolliert zwischendurch Schiffe und Lastwagen. Das geht von Stichproben beim Löschen von Ladung bis zum kompletten Ausräumen von Containern. Auch der grenznahe Bereich gehört zum Einsatzgebiet.

Ein weißes Auto nähert sich dem CT-Übergang, Hauptzollsekretär Andreas Schmidt holt die Kelle heraus. "Bitte melden Sie, wenn Sie etwas zu verzollen haben", sagt er zu dem Autofahrer. Nein, erwidert dieser, er habe nichts zu verzollen, steigt aus und öffnet den Kofferraum, in dem zwei Stühle liegen. Schmidt leuchtet das Auto mit der Taschenlampe aus, sein Kollege Dirk Hemmelskamp steht in einigen Metern Abstand mit der Hand nahe der Pistole Eigensicherung. Zollbeamter ist kein ungefährlicher Job.

Ein LKW voll mit Zigaretten

In dieser Nacht wird jedes Fahrzeug zusätzlich mit einem Strahlenmessgerät gescannt. "Vor allem, wenn die Waren aus dem Baltikum kommen, müssen wir auf radioaktive Strahlen achten", erklärt Rolf Tangemann. Plutonium ist ihm aber noch nicht ins Netz gegangen. Am häufigsten werden Zigaretten und Alkohol am Zoll vorbeigeschleust, gefolgt von Autos und Rauschgift. Zweieinhalb Millionen Zigaretten haben die Zollbeamten in Bremerhaven im vergangenen Jahr aufgespürt. "Das geht von der zweiten Stange, die Oma aus Helgoland mitbringt, bis zum professionellen Schmuggel im Lkw aus Litauen."

An diesen einen Fall erinnert sich Tangemann gut: Ein Lastwagen war per Zufall ins Visier der Zollbeamten geraten. Die Ladung wurde kontrolliert. Doch statt des deklarierten Holzes aus Litauen fanden sie, sehr sorgfältig versteckt inmitten der Holzbalken, über zwei Millionen Zigaretten. "Die Akribie, mit der diese Schmuggler ihre Ware verstaut hatten, hat uns sehr erstaunt." Solche Aktionen, bei denen die Beamten ganze LKW- oder Containerladungen auseinandernehmen, werden am Tage erledigt. Sieben bis zehn Container schaffen sie pro Woche. Bei 1,5 Millionen Containern im Jahr, die in Bremerhaven umgeschlagen werden, nur ein Bruchteil.

Drogenhunde sind nicht süchtig

Tangemann fährt langsam durch den Hafen, an einem Bananenschiff aus Mittelamerika vorbei - "man weiß ja nie, ob da nicht nachts irgendwer herumschleicht" - und trifft am Übergang Roter Sand zwei weitere Kollegen. Hier wartet auch Lucky, einer der besten Spürhunde Deutschlands, auf einen Einsatz. Nach einigen Minuten stoppen die Zollbeamten einen Kleinlaster, der bereits im Hafen aufgefallen war. Hier darf Lucky beweisen, was er kann. Zollobersekretär Heinz Bornhorst nimmt ihn eng an die Leine, führt ihn langsam um den Wagen herum, deutet auf die Radkappe, unter den Motor, spricht leise auf Lucky ein. "Viele glauben, dass Drogenspürhunde selbst süchtig sind", sagt Bornhorst, "aber das stimmt nicht, sie suchen nur ihr Spielzeug, das ähnlich riecht. Wenn sie also süchtig sind, dann höchstens spielsüchtig."

Lucky hat in der Zwischenzeit den Laster umkreist, die Laderampe inspiziert und doch nichts gefunden. Der Fahrer darf weiter. Mittlerweile ist es kurz vor fünf Uhr. Der Autoverkehr aus dem Hafen nimmt zu, Schichtwechsel. Tangemann verabschiedet sich von den Kollegen, fährt zurück durch die Stadt. "Morgen hat unsere technische Truppe wieder etwas zu tun", sagt Tangemann, während er den Dienstwagen zum Fischereihafen lenkt, "dann nehmen wir den Bananendampfer unter die Lupe." (bik)

(24 Stunden - 24 Reportagen. NZ-Reporter waren einen Tag lang in Bremerhaven unterwegs und haben das Besondere im Alltäglichen gesucht. Heute: Die Stunde von 4 bis 5 Uhr.)

 

Hier geht's zurück zur NZ