Notsignale der inneren Leere

Verhaltensauffällige Jugendliche als Problem der Gesellschaft - Eggers: "Psychiatrische Hilfe dringend nötig"

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 9.2.2000)


Bremerhaven. Schulschwierigkeiten sind die häufigsten psychischen Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen, jeder fünfte Schüler leidet darunter. Über Ursachen und Zusammenhänge sprach am Montagabend Prof. Dr. Christian Eggers, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Essen, vor der Gesellschaft 1947.

Bettnässen, Nägelkauen, Magersucht und Migräne können genauso Zeichen für psychische Auffälligkeiten sein wie eben Schulschwierigkeiten oder gar Agressionen gegen sich oder andere, erläuterte Eggers vor rund 60 Zuhörern im Hotel Naber.

Zappelphilipp und Depression

Diese Auffälligkeiten seien für die Kinder oft die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. "Die emotionale Entwicklung dieser Kinder hat nicht den Reifegrad der körperlichen Entwicklung erreicht." Dabei sei auffällig, dass unter Jungen das Zappelphilipp-Syndrom und antisoziales Verhalten verbreiteter sei, während Mädchen eher an emotionalen Störungen wie Depressionen litten.

Ursachen sind nach Eggers Probleme im Elternhaus, Scheidung, Alkoholmissbrauch und inkonsequente Erziehung. "Kinder aus Familien, die Sozialhilfe bekommen, werden drei Mal so häufig auffällig wie andere Kinder." Hinzu käme, dass in den Familien heute immer weniger miteinander gesprochen werde und die Kinder vernachlässigt würden.

Einsparungen sind kurzsichtig

Oft wüssten es die Eltern nicht besser, da sie selbst gedemütigt wurden, sowohl in ihrer Kindheit wie auch als Erwachsene. Die Kinder, die stets loyalzu ihren Eltern halten, versuchen sie als Tröster beizustehen, sind damit aber überfordert und scheitern. Daraus entwickeln sie einen Selbsthass, den sie zum Beispiel auf andere Mitmenschen übertragen. "Dann fallen sie als Hooligans auf, die die Langeweile und Leere in sich mit Schlägereien überbrücken. Statt sie aber als schwer erziehbar auszugrenzen, müssen wir als Gesellschaft die Hintergründe für die Notsignale verstehen."

Auf keinen Fall dürfe man die Möglichkeiten abbauen, diesen Kindern und Jugendlichen möglichst früh zu helfen, warnte der Psychologe: "Die kinderpsychiatrische ambulante Versorgung in Deutschland liegt europaweit ohnehin auf den hinteren Rängen. Hier weiter einzusparen, ist kurzsichtig und wird die Gesellschaft teuer zu stehen kommen." (bik)

 

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