"Erwärmung seit 150 Jahren"

Awi-Professor: Ohne den Treibhauseffekt wäre es auf der Erde minus 15 Grad kalt

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 28.2.2000)


Bremerhaven. Professor Dr. Ernst Augstein (65) ist seit 17 Jahren beim Alfred-Wegener-Institut. Studiert hat er Meteorologie, sein Spezialgebiet ist die Klimaforschung. Zum 1. März geht er in den Ruhestand. NZ-Redaktionsmitglied Birgit Köhler sprach mit dem Physiker über Erkenntnisse und Schlussfolgerungen der Klimaforschung.

NZ: Herr Augstein, was fasziniert Sie an der Klimaforschung?

Augstein: Alle Menschen interessieren sich für das Wetter, aber das geht schnell vorüber. Da muss man nur wissen, ob man einen Regenschirm mitnimmt oder einen Sonnenschirm. Das Klima hält länger an. Wir erleben ja im Augenblick eine Veränderung des Klimas, die das gut deutlich macht. Wir haben jetzt seit 150 Jahren eine merkliche Erwärmung. Die führt zu Veränderungen in einigen Regionen der Erde, zum Beispiel in den Polargebieten oder in den Tropen. Auch kurzfristige Klimaereignisse wie das El Niño-Phänomen gehören dazu. Und wenn man sich ansieht, welche Klimawechsel in den letzten 300 000 Jahren eingetreten sind, dann erhält man einen noch besseren Eindruck von den Bedingungen, denen wir ausgesetzt sind und die wiederkehren können. Das alles zu verstehen, das womöglich vorherzusagen, hat eine riesige Faszination für den Forscher, aber auch eine große Bedeutung für die Menschen. Und wenn man seine wissenschaftlichen Neigungen so mit den Interessen der Gesellschaft verbinden kann, dann ist das von besonderer Faszination.

"Noch keine exakten Vorhersagen möglich"

NZ: Sie haben sich in den vergangenen 17 Jahren mit diesem Thema befasst – sind Sie heute schlauer als damals?

Augstein: Die Klimaforschung hat seitdem einen ungeheuren Fortschritt gemacht. Durch die Beobachtungen, zu denen auch die Satelliten maßgeblich beitragen, und durch die Möglichkeiten, die uns die Rechner geben, können wir die Vorgänge zwischen Ozean und Athmosphäre in Modellen darstellen. Das hat den Einblick in die Klimavorgänge ganz erheblich erhellt. Wir wissen jetzt im Grunde, wie alles funktioniert. Nur leider ist unser Wissen noch nicht so exakt, dass wir Vorhersagen machen könnten.

"Treibhauseffekt ist unstrittig"

NZ: Stichwort Treibhauseffekt: Hier gibt es einen Expertenstreit, ob es diesen Effekt gibt oder nicht. Welche Meinung haben Sie?

Augstein: Den Treibhauseffekt ganz allgemein gibt es, das ist unstrittig. Sonst könnten wir auf der Erde gar nicht leben. Der Treibhauseffekt bedeutet ja nur, dass die Strahlung, die von der Sonne auf die Erde gelangt, zum Teil in der Atmosphäre festgehalten wird, dort die Temperatur erhöht und entsprechend wieder Wärme ausstrahlt. Wenn es den Treibhauseffekt nicht gäbe, wäre es auf der Erde minus 15 Grad kalt. Auch ist es zweifelsfrei so, dass durch die Menschen ein erheblicher Teil der Gase, die an diesem Treibhauseffekt beteiligt sind, wie Kohlendioxid, Methan oder FCKW, in die Atmosphäre gebracht worden ist. Strittig ist nur, inwieweit diese Gase an der beobachteten Temperaturerwärmung beteiligt sind und zu welchen Folgen das alles führen kann.

"Großer Streit um Verlässlichkeit"

NZ: Was ist denn Ihre Meinung?

Augstein: Die Modellergebnisse sind wissenschaftlich sehr interessant, aber sie sind immer noch unzureichend. So haben die Werte, die herauskommen, eine ganz große Streubreite. Also wenn es heißt, bei einer Verdoppelung der Treibhausgase nimmt die Temperatur um zwei Grad zu, dann muss man noch plus minus zwei Grad rechnen. Hier gibt es den großen Streit: Einige Forscher sagen, zwei Grad ist verlässlich, andere sagen, das ist nicht exakt, aber das ist ein Wert, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Zu den Letzteren gehöre ich. Ich meine, bevor man die Menschen nervös macht, muss man Genaueres wissen. Hinzu kommt, dass wir beim Awi durch unsere Eisbohrungen in Grönland vorsichtig geworden sind. Dabei haben wir herausgefunden, dass die natürlichen Veränderungen in der Vergangenheit viel massiver waren als die künstlich gemachten, die wir jetzt eventuell erleben. Deshalb sagen wir, wir müssen das natürliche System erst einmal besser erforschen und verstehen, dann können wir auch den zusätzlichen menschlichen Effekt viel sorgfältiger einschätzen.

"Ressourcen schonen"

NZ: Gibt es trotzdem Forderungen, die Sie aufgrund Ihrer bisherigen Ergebnisse an die Politik oder das Verhalten der Menschen stellen?

Augstein: Man kann, auch ohne an das Klima zu denken, schnell darauf kommen, dass es vernünftig ist, die natürlichen Ressourcen nicht rücksichtslos zu verbrauchen. Irgendwann gibt es keine Kohle und Öl mehr, und es kann sein, dass sich die Lebensumstände dann massiv verändern. Aus diesem Grund sollte man möglichst viel sparen. Was den Kohlendioxid-Ausstoß betrifft, muss man sich überlegen, welche Nachteile es hätte, wenn man das Autofahren abschafft, und das vergleichen mit den Folgen einer Erwärmung um zwei Grad. Das ist nicht leicht einzuschätzen, und ich bin kein Ökonom.

Vielseitige Interessen im Ruhestand

NZ: Was sind denn für Sie persönlich Ihre Pläne für die Zukunft?

Augstein: Ich konnte viele Dinge bislang nicht tun. Mich interessieren zum Beispiel mittelalterliche Geschichte, kunsthistorische Dinge und die Frage, was ist das Bewusstsein. Ich werde mich auch ein bisschen mehr um das politische Umfeld kümmern. Ich werde mich also mehr für das außerhalb der Physik Liegende interessieren. Aber das ist natürlich eine Menge – wenn ich von dem, was ich aufgezählt habe, zehn Prozent schaffe, dann ist das schon ganz schön. (bik)

Externe Links:

 

Hier geht's zurück zur NZ