"Krankheit will mir etwas sagen"

Zwischen Selbstvorwürfen und Erkenntnis Eine Frau verliert ihre Brust und lernt das Leben neu kennen und lieben

(veröffentlicht in der Nordsee-Zeitung, 3.3.2000)


Bremerhaven. Als Hanna Webknecht* vor sieben Jahren erfuhr, dass sie einen bösartigen Tumor in der Brust hat, da war es, als ob ihr der Boden unter den Füßen weggezogen würde. "Beim Duschen entdeckte ich plötzlich einen Knoten, und fünf Tage später lag ich schon auf dem Operationstisch."

Es fing damit an, dass sie Schwindelanfälle hatte und es ihr nicht gut ging. "Aber zu der Zeit hatte ich meinen 50. Geburtstag, meine Schwiegermutter starb, also viele Aufregungen, die mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatten." Ihre Ärztin bescheinigte ihr, ansonsten kerngesund zu sein.

"Luft blieb weg"

Doch tags darauf fand sie den Knoten in der Brust. "Erst einmal blieb mir die Luft weg, und dann versuchte ich, keine Panik zu kriegen." Es war nicht das erste Mal: Bereits 1964 und 1990 wurden Tumore aus ihrer Brust entfernt, doch dieses Mal war es ein bösartiger Krebs.

Der Arzt bereitete sie darauf vor, dass eventuell die Brust entfernt werden muss. "Aber das wollte ich auf keinen Fall. Was 50 Jahre zu mir gehört hat, das sollte nicht einfach weggemacht werden."

"Lieber eine lebende Frau mit einer Brust"

Sie habe noch nie so viel geweint wie in dieser Zeit, berichtet die zierliche Frau. "Mein Mann und mein Sohn haben mich sehr unterstützt, sagten, sie möchten lieber eine lebende Frau mit einer Brust als eine tote mit zwei. Aber für mich war die Vorstellung schrecklich."

Vor allem die Ungewissheit machte ihr zu schaffen: Die Lymphknoten waren zwar nicht vom Krebsgeschwür befallen, aber die Ärzte vermuteten Metastasen in Lunge, Hirn und Knochen. Nach drei Chemotherapien war nichts mehr festzustellen, doch die Brust musste trotzdem entfernt werden zur Sicherheit. Schließlich willigte sie ein und ließ sich operieren.

Zu früh aufgegeben?

"Als der Pathologe hinterher feststellte, dass in der Brust gar kein Tumor mehr war, da bin ich verzweifelt. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich zu früh aufgegeben hatte." Die 57-Jährige fiel in ein schwarzes Loch, aus dem sie auch die Liebe ihrer Familie und Freunde nicht herausholen konnte.

"Lange lief ich mit einem inneren Schild herum: Schaut her, ich habe nur noch eine Brust, und ich habe zu wenig gekämpft." Mittlerweile hat sie aber gelernt, damit umzugehen. Auch an die Brustprothese hat sie sich gewöhnt. Der Verein Leben mit Krebs hat ihr dabei geholfen. "Dort traf ich Frauen, denen es genauso ging wie mir. Ich begriff, dass ich nicht hysterisch bin, wenn ich immer wieder weinen muss."

"Östrogen hat Brustkrebs gefüttert"

Hanna Webknecht vermutet, dass ihr Krebs mit den Hormonspritzen zusammenhängt, die sie in ihren Wechseljahren bekam. "Das Östrogen hat den Brustkrebs gefüttert." Sie begreift den Krebs heute als Chance: "Diese Krankheit hat mir etwas zu sagen gehabt, nämlich dass ich nicht so weitermachen kann wie bisher." Jetzt genießt sie ihr Leben viel intensiver, ist dankbarer für Kleinigkeiten, sagt sie: "Das klingt theatralisch, aber ich stand an der Schwelle des Todes und weiß jetzt, dass man nicht gelebt wird, sondern selber leben muss." (bik)

 

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