Zu wenig Geld für die Vorbeugung

Sozialpädagoge Christian Spoden plädiert für ambulante Beratungsstellen für Sexualstraftäter

(veröffentlicht im Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung, 11.6.2000)


Bremerhaven. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen wurde bis vor kurzem fast ausschließlich aus der Perspektive der Opfer betrachtet. Eine Möglichkeit, auch die Täter zu therapieren und damit sowohl die Opfer als auch die Täter vor einer Wiederholung zu schützen, stellte der Oldenburger Sozialpädagoge Christian Spoden in einem Vortrag in der Arbeiterkammer vor.

Eingeladen hatte der Arbeitskreis gegen sexuelle Gewalt an Kindern, der seit mehr als zehn Jahren in Bremerhaven arbeitet. Eine ambulante Täterberatungsstelle, wie sie Spoden aus Oldenburg, Berlin und den USA kennt, gibt es in der Seestadt noch nicht. Dass sie auch ihre schwierigen Seiten hat, verdeutlichte Spoden.

"Tat nicht auf Krankheit reduzieren"

"Der Blick der Justiz und Therapieeinrichtungen ist meistens auf das ‚Krankheitsbild’ des Täters bezogen", erläuterte er. Es gebe tatsächlich einige krankhafte Sexualtäter. Die Mehrheit seien aber "scheinbar normale Männer". "Die Reduzierung der Tat auf einen Krankheitsbegriff entlastet den Täter von seiner Verantwortung."

Doch gerade das müssen Täter in einer Therapie lernen: Verantwortung übernehmen für ihre Handlung. "Wir machen den Männern klar, wie bewusst sie die Tat geplant haben, und dass ihnen nicht sozusagen die Hand entglitten ist."

"Den Tätern Grenzen setzen"

Gleichzeitig werden den Tätern Grenzen gesetzt, indem die Therapeuten mit Justiz, Polizei und Jugendamt zusammenarbeiten und soziale Kontrollmaßnahmen einleiten. "Nur unter sozialem Druck unterziehen sich die Täter einer Therapie, denn ihr Fehlverhalten sehen sie oft gar nicht ein."

Die tatsächliche Zahl der sexuellen Gewalttaten liege um das Zehnfache höher als die Zahl der angezeigten Straftaten. Nur ein sehr geringer Teil werde schließlich auch strafrechtlich belangt. "Wenn es eine ambulante Beratungsstelle für Männer gibt, ist das eine gute Alternative zur Strafanzeige, gerade wenn das Opfer zum Beispiel den Vater anzeigen soll."

"Dem kleinen Jungen im Täter helfen"

Ziel einer ambulanten Täterberatung müsse laut Spoden unter anderem sein, die aktuellen und potenziellen Opfer zu schützen, und zwar bereits vor einer rechtskräftigen Verurteilung, die oft lange auf sich warten lässt.

Aber auch dem Täter müsse geholfen werden, denn er sei in seiner Kindheit ein Opfer sexueller Gewalt geworden. "Liebevoll erzogene Kinder werden nicht zu Sexualtätern", stellte Spoden fest. "Das heißt nicht, dass ein Täter nichts für sein Verhalten kann. Aber auch dem kleinen Jungen in ihm muss verspätet geholfen werden."

Opferschutz verstärken

Insgesamt, kritisierte der Sozialpädagoge, werde sehr viel Energie und Geld in die Strafverfolgung von Sexualtätern gesetzt, aber zu wenig in den Opferschutz und die Vorbeugung. "Opferschutz bedeutet auch, den Tätern ihre Verantwortung deutlich zu machen und ihnen zu helfen." (bik)

 

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