Ein Mohrrüben-Kakadu ziert jede Tafel

Leckerbissen fürs Auge

(veröffentlicht im Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung, 18.6.2000)


Bremerhaven. "Für ein gelungenes Essen sind in China vier Dinge nötig", erläutert Liu Chang, chinesischer Gourmet-Koch aus Geestemünde. "Die Farbe muss stimmen, es muss duften und natürlich schmecken. Aber auch die Gestaltung der Mahlzeit ist ganz wichtig." Schnitzereien aus Gemüse, wie sie Chang in seinem Restaurant anbietet, gehören selbstverständlich dazu.

Ein Schnitz hier und dort, und schon verwandelt sich innerhalb von Minuten ein dickes Stück Mohrrübe in eine orangefarbene Rose. Oder ein Kakadu auf einem Blumenpodest, eine Pagode, eine fliegende Taube. "So etwas dauert dann aber ein bis zwei Stunden", lacht Chang, der seit mehr als 12 Jahren in der Seestadt lebt.

"Tomatenrose kann jeder"

Geschickte Hände und ein scharfes Messer brauche man dafür, und viel Übung: Angefangen hat Chang mit Tomaten. "Das kann auch jeder deutsche Koch, eine Rose oder ein Korb aus einer Tomate zu zaubern." Doch bald war ihm die Verzierung nicht genug: Vor fast zehn Jahren belegte er einen speziellen Schnitz-Kursus in China. Dort hat er die nötigen Schnitte und Schnitzer gelernt, die aus einem simplen Kohlrabi ein lebensecht aussehenden Fisch machen.

Seitdem überrascht der Besitzer eines China-Restaurants in der Georgstraße 84 seine Gäste mit immer neuen Kreationen. "Das ist viel Mühe, aber daran erkennen die Gäste, dass sich der Koch auch Mühe mit dem Essen gebe." Seine Ideen bekommt er in der Natur: Auf Spaziergängen beobachtet er Vögel, fotografiert Blumen. "Schon in meiner Schulzeit in Köln habe ich gerne gemalt und gebastelt."

Schnitzerei als Geschenk

Und dann setzt er sich an die extra-dicken Karotten, Radieschen oder auch Melonen. "Erst schneiden, dann schnitzen, schließlich färben mit Rote-Beete-Saft zum Beispiel und dann gestalten." Sein schönstes Kunstwerk besteht aus vielen kleinen Einzelheiten: eine Brücke, die sich über einen See aus Eiweiß spannt, auf dem ein kleiner Mensch im Boot rudert. "Eine Frühlingslandschaft in Peking könnte das sein."

Gefragt sind Changs Dekorationen auch für Hochzeitsbuffets und Weihnachtsgeschenke. Drei bis vier Wochen halten die größeren Kunstwerke in Eiswasser. Wem das noch nicht reicht, kann die Schnitzereien auch in Wachs bekommen. Und Chang denkt noch weiter: "Ich will mich auch bald an Holz und Stein wagen. Das Prinzip ist ja das Gleiche, es dauert nur länger." (bik)

 

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