Wenn der Kuchen seine Tücken hat und die Uhren sprechen

Einmal "blind" sein Eine Selbsterfahrung im lichtleeren Café Unsichtbar

(veröffentlicht im Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung, 9.7.2000)


Bremerhaven. Die Thermoskanne quietscht leise, Kaffeegeruch strömt in meine Nase, neben mir eine Stimme: "Wollten Sie auch Kaffee?" Ich nicke, schicke ein hastiges "Ja bitte" hinterher, denn meine Kopfbewegung hat niemand gesehen. Um mich herum herrscht tiefe Dunkelheit ich sitze im Cafe Unsichtbar.

Der Café-Betrieb im lichtleeren Raum ist eine Gemeinschaftsaktion von Phänomenta und dem Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen. Noch bis Sonntag, 16. Juli, können hier Sehende den Alltag Blinder kennenlernen.

"Kellner" sind geschickter

Die plötzliche absolute Finsternis irritiert mich. Meine Netzhaut bildet immer noch Dinge ab, die gar nicht da sind wie ein Schleier, der nur langsam verschwindet. Auf dem Weg zu meinem Tisch stoße ich gegen Stühle. Vorsichtig geworden, taste ich mich mit ausgestreckten Händen an der Wand entlang. Allerdings bewegen sich die blinden "Kellner" weitaus geschickter in dieser Dunkelheit Glaube ich zumindest, denn sehen kann ich sie ja nicht.

Als ich endlich sitze, gleiten meine Hände rechts und links an der Tischkante entlang. Aha, hier ist die Ecke, und auf der anderen Seite ertaste ich die Finger meines Tischnachbars, der genauso hilflos ist wie ich. Wir lachen etwas gespannt.

Schlechte Erfahrungen im Alltag

Die Kellnerin bringt den Kaffee. Ich nehme die Sahne, gieße sie in den Becher und freue mich, dass ich getroffen habe so hat es sich zumindest angehört. Rund um den Becher spüre ich jedenfalls keine Pfütze. Auch ein Stück Butterkuchen nehme ich mit der Gabel. Zur Not kann ich den auch in die Hand nehmen. Aber ich bin mutig.

Währenddessen erzählt Angelika Schmidt, eine der "Kellnerinnen", von ihren Erfahrungen. Sie selbst ist stark sehbehindert und auf ihren Führerhund angewiesen. Über manche sehenden Mitmenschen ärgert sie sich sehr. "Da werde ich schon mal einfach in eine Straßenbahn geschoben, ohne dass ich gefragt werde, ob ich auch in diese Bahn will. Andere dagegen helfen überhaupt nicht."

"Blindheit ist nicht ansteckend"

Bei vielen steckt Berührungsangst dahinter, vermutet Angelika Schmidt. "Blindheit ist aber keine ansteckende Krankheit", versichert sie. Diese Ängste abzubauen hoffen die Blinden und die Phänomenta-Organisatoren mit dem Café.

Ich bin mittlerweile beim letzten Bissen angekommen. Sogar der Butterkuchen hatte im Dunkeln seine Tücken. Meine Finger sind klebrig vom Ertasten, einige Stücke waren größer, als ich wollte, und nicht alle Krümel sind da angekommen, wo sie hinsollten. Auf der Tischdecke und dem Fußboden muss es jetzt wie ein Schlachtfeld aussehen.

Braille-Schrift ist nicht leicht zu ertasten

Angelika Schmidt lässt mich ihre Blindenuhr ertasten: "Ganz vorsichtig hier rüberfahren, spüren Sie die Punkte?" Ich fühle zwar etwas unter dem Zeigefinger, aber ob es zwei, drei oder vier Punkte sind, kann ich nicht unterscheiden. Dann vielleicht besser eine dieser Uhren, die die Zeit ansagen. Elektronisch scheppernd ertönt es dann auf Knopfdruck: "Es ist 15.35 Uhr."

Ich will gehen, muss noch zahlen natürlich im Dunkeln. Ich krame in meiner Geldbörse, fingere an den Münzen und versuche, die Größe zu erfühlen. Aber welcher ist denn nun der 10- oder 20-Mark-Schein? Angelika Schmidt hilft: Sie hat eine kleine Plastikkarte, die sie zusammenklappt und den Schein dazwischenklemmt. Damit misst sie die Länge des Scheines ab, der Wert steht in Brailleschrift daneben.

Wie geblendet

Ich taste mich langsam wieder an der Wand zurück in Richtung Lichtschleuse, laufe fast auf einen anderen Gast auf, der auch dem Ausgang zustrebt. Schwere Filzdecken werden auseinander geschoben, nur noch einige Schritte, dann ist Licht um mich.

Ich bin geblendet wieder sehe ich nichts. Aber langsam kommt meine Augenkraft wieder zurück, und ich entdecke die Krümel auf meinem Hemd. Hinter mir ist Angelika Schmidt aus der Lichtschleuse gekommen. Für sie ist es kein Unterschied zum lichtleeren Raum. Ich aber bin froh, wieder sehen zu können. Und habe Respekt gelernt vor den Menschen, die ohne Licht leben müssen. (bik)

 

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