Mit "Jan von Moor"über die Kanäle

Die Torfkahn-Saison in Bremen startet an diesem Wochenende / Eine Kahn-Reportage

(veröffentlicht in der taz Bremen, 3./4.5.1997)


Bremen. "Ausgerechnet heute", flucht Andreas leise, "ausgerechnet heute muss natürlich der Außenbordmotor ausfallen, wo ich doch drei Touren mit dem Torfkahn absolvieren muss". Pech für Andreas, den Skipper, der jetzt die ganze Strecke staken muß. Glück aber für uns MitfahrerInnen: So wird unsere Torfkahnfahrt noch authentischer.

Jahrhundertelang wurde der Torf in langen, dunkelbraunen Kähnen vom Teufelsmoor nach Bremen gebracht, um dort für warme Stuben zu sorgen. Zwei Tage waren zwei Männer mit ihrem Kahn unterwegs. Geschlafen wurde in einer winzige Kajüte, die mit Torf beheizt wurde. Jetzt sitzen auf den Bänken, auf denen früher sorgsam sechs Kubikmeter Torf aufgeschichtet wurde, 19 Menschen. Fast alle kommen aus Bremen - eigentlich ungewöhnlich für eine so touristische Exkursion. Doch genau die BremerInnen will der Veranstalter "StadtLandFluss"mit seinem Veranstaltungskonzept anlocken und ihnen die eigene Stadt- und Stadtgeschichte zeigen.

Braune Segel und morastiges Wasser

Vom Kuhgraben an der Munte bis zum Findorffer Torfhafen geht die Tour, um den Stadtwald und den Bürgerpark herum und wieder zurück mit der detailgetreuen Rekonstruktion eines alten Bootes. Heute schaffen wir allerdings nur eine Richtung - wegen des defekten Außenbordmotors. Längere Strecken gehen auch zum Dammsiel oder ins Teufelsmoor. Dann werden auch die berühmten braunen Segel des Torfkahns gesetzt. Bei unserer Fahrt nützen die uns allerdings wenig, denn im Gegensatz zu den letzten Tagen regt sich heute kein Lüftchen. Außerdem müsste das Segel alle fünfzig Meter eingeholt werden, um nicht mit den niedrigen Brücken zu kollidieren. Also stakt uns Andreas durch die morastigen Wasser des Torfkanals. Zwei Mitfahrer erbarmen sich seiner von Zeit zu Zeit und ergreifen den langen Stecken.

Langsam gleitet der Kahn durch die langsam sprießende Natur, vorbei an Entenschwärmen und zufriedenen ParzellenbesitzerInnen. Warum wir denn nicht singen würden, fragt uns ein alter Mann, der hinter seinem Gartenzaun steht. Nein, wir genießen lieber die Ruhe, die frische Luft und die ungewohnte Perspektive. "Ist das nicht da, wo wir sonntags immer spaziergehen?". "Nein, nein, da sind wir schon vorbei - oder?"Immer wieder wird das Ufer beäugt, um Anhaltspunkte für die derzeitige Lage zu finden, immer wieder werden Erinnerungen ausgetauscht.

Kuchen auf dem Kahn

Der 10jährige Simon angelt Entenfedern, Blätter, "Seeaale"und andere Merkwürdigkeiten aus dem Wasser - und bereitet "köstliche" Spezialitäten für seine MitfahrerInnen zu. Als ein laut dröhnendes Motorboot am Kahn vorbeifährt, geht sein "Essen" über Bord. Als Ausgleich reicht seine Großmutter eine Dose mit Kuchen herum: "Nehmen Sie ruhig. Nachher gehen wir sowieso essen."

Nach etwa zwei Stunden legen wir in Findorff an, gleich hinter der Stadthalle. Bevor die Universität gebaut wurde, erzählt uns Andreas, ging der Kuhgraben "noch von Worpswede entlang der Parkallee bis ganz in die Stadt hinein". Heute können wir immerhin noch dieses kleine Stück Torfkanal genießen. Die Geburtstagsgesellschaft und die meisten anderen MitfahrerInnen steigen aus. Nur ein Ehepaar macht heute noch einmal die Tour in die andere Richtung, so muss Andreas seinen Kahn nicht alleine zurückstaken. Das wäre denn auch schon am Umkehren gescheitert - "Jan von Moor"ist schließlich exakt so lang, wie der Kanal in Findorff breit ist. Doch nach einiger Manövrierarbeit schaffen es die drei und gleiten leise und langsam wieder zurück in die ruhige Natur. (bik)

 

Hier geht's zur taz