"Fehlende Hilfe für Opfer beschämend"

Heinrich Hannover zur NS-Justiz / Viele Zuhörer

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 28.02.2002)


Verden. So voll wie am Dienstagabend war der Schwurgerichtssaal des Landgerichtes selten: Etwa 150 Menschen drängten sich auf Bänken und Stühlen bis dicht vor den Redner, Heinrich Hannover. Sie alle wollten von einem "beschämenden Justizfall in einer Zeit kollektiver Rechtsblindheit" hören, an dessen Wiedergutmachung der Bremer Anwalt Hannover Anteil hatte: Der Fall Walerjan Wrobel.

Wrobel wäre heute so alt wie Heinrich Hannover: 77 Jahre. Doch der Pole wurde bereits 1942 als 17-Jähriger von den Nationalsozialisten als "Volksschädling" ermordet. Ein Jahr zuvor war er von Zuhause verschleppt und zur Arbeit bei einem Bauern in Bremen-Lesum gezwungen worden. Vor Heimweh steckte er eine Scheune in Brand in der kindlich-naiven Hoffnung, man werde ihn zurück nach Polen schicken, wenn der Bauer nicht mehr arbeiten könnte.

Volksschädling oder nicht?

Nach einigen Monaten im Konzentrationslager Neuengamme wurde ihm der Prozess gemacht, doch das Urteil stand schon vorher fest: Der 17-Jährige musste sterben. Dabei wendeten die Richter Gesetze an, die auch nach Nazi-Maßstäben fragwürdig waren, wie Heinrich Hannover in seiner Lesung herausstellte: Die Volksschädlingsverordnung galt nicht für Walerjan Wrobel. Ein Volksschädling könne nur einer aus dem eigenen Volk sein, hatte sogar Ober-Nazirichter Roland Freisler festgestellt.

Und die Polenstrafrechtsverordnung, die die Todesstrafe für jugendliche Polen erlaubte, war zum Zeitpunkt der Tat noch nicht in Kraft. Sie rückwirkend anzuwenden, brach jegliches zivilisiertes Recht.

Willkürlich Gesetze ausgelegt

Den Richtern war durchaus bewusst, dass sie die Gesetze willkürlich auslegten. So reichten die selben Juristen, die Wrobel in den Tod schicken wollten, ein Gnadengesuch für den Polen ein. Ein solches Verfahren war damals gängige Praxis. Hannover ist allerdings kein Fall bekannt, in dem der Präsident des Volksgerichtshofes einen zum Tode Verurteilten begnadigt hätte. Freislers zynische Begründung: Die Richter hätten ja bereits in ihrem Urteil Milde walten lassen können.

Als der Fall Wrobel 1987 mit Hannovers Hilfe wieder aufgerollt und das Urteil aufgehoben wurde, war das eine Genugtuung, so Hannover, aber: "Beschämend ist, dass die Bundesrepublik Deutschland bis heute keine finanzielle Entschädigung für die Hinterbliebenen der Opfer der Nazi-Justiz ermöglicht."

Kein Einzelschicksal

Wrobel sei kein Einzelschicksal, sagte Hannover. "An seinem Beispiel zeigt sich, wie willfährig die deutsche Justiz nicht nur die nationalsozialistischen Gesetze befolgte, sondern sie besonders eilfertig mitgestaltete." (bik)

 

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