Hohe Nachfrage und veränderte Probleme

25 Jahre Erziehungsberatung: Kinder als Spiegelbild der Eltern

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 02.03.2002)


Verden. Die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen - Anlass für unsere Zeitung, mit Dr. Rainer Siegmund und Ulrike Stubenrauch über die Arbeit und ihre Erfahrungen zu sprechen. Siegmund arbeitet seit 18 Jahren in der Beratungsstelle Verden, Stubenrauch seit neun Jahren in Achim.

Frage: Was erwartet die Eltern und Kinder, die bei der Erziehungsberatungstelle anrufen?

Siegmund: In der Regel rufen uns die Eltern an. Sie haben ein konkretes Problem in der Familie und brauchen nun Hilfe. Wir bieten den Eltern ein erstes Gespräch an, das in den Räumen der Erziehungsberatungsstelle in Achim und Verden stattfindet. Meistens sprechen wir auch mit den Kindern. Dabei können uns beide Seiten ihre Sicht der Dinge darstellen. Bis zum nächsten Termin kriegen sie dann Anregungen mit, ihre Sichtweise zu überprüfen und sich anders gegenüber den Kindern verhalten zu können.

Eltern waren auch Kinder

Frage: Was genau passiert dann mt Eltern und Kindern?

Stubenrauch: Manchmal sind genauere Tests mit den Kindern nützlich: Sie malen oder bauen etwas auf und wir beobachten ihr Spiel. Dazu versuchen wir etwas über die Biografie zu erfahren, denn auch die Eltern waren ja mal Kinder und bringen ihre eigenen Erfahrungen mit in die neue Familie.

Die Eltern sind ja freiwillig da, aber die Kinder oft nicht. Wie arbeiten die mit?

Stubenrauch: Die Kinder kommen gern hierher. Oft meinen die Eltern, ihr Kind sei zu schüchtern, zu klein, aber wenn die Kinder in unseren Spielraum kommen, dann sind die Mütter abgemeldet. Kinder gehen unbefangener mit der Situation um, die tragen ja kein Schild herum: "Ich bin ein Problemkind". Auch Jugendliche, denen es oft schwer fällt, über sich zu sprechen, finden es schön, einmal im Mittelpunkt zu stehen, mit einer neutralen Person als Gegenüber.

Lange Wartezeiten

Wie lange dauert es, bis Betroffene einen Termin bekommen?

Siegmund: Das ist tatsächlich ein Problem. Wir haben an beiden Standorten eine hohe Nachfrage, insbesondere in Achim, so dass die Wartezeit für das Erstgespräch in der Regel in Verden drei Monate und in Achim fünf Monate beträgt. Schuld daran ist die knappe Personalsituation: In Achim arbeiten drei Kolleginnen, in Verden zwei, und bis auf eine Ausnahme sind das alles Teilzeitstellen, insgesamt dreieinviertel Planstellen. Und neben der indivudellen Beratung steigt auch die Nachfrage nach präventiven Angeboten und Gruppenarbeit.

25 Jahre Erziehungsberatungsstelle - ist die Arbeit eine andere geworden, sind die Probleme heute anders als damals?

Siegmund: Insgesamt hat die Arbeit zugenommen, der Bedarf an Erziehungsberatung ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Wir haben heute die doppelte Nachfrage wie am Anfang. Und auch die Probleme sind andere geworden: Es sind heute viele Kinder, die sich verweigern, zu Gewalt neigen, depressiv sind, mit Ängsten, Kontaktstörungen und Rückzug reagieren. Bei Jugendlichen kommt oft eine tiefe Verunsicherung hinzu, in schweren Fällen sogar Selbstmordäußerungen.

Gesellschaftlicher Druck

Was steckt dahinter?

Stubenrauch: Das muss zusammen mit der gesellschaftlichen Entwicklung gesehen werden. Arbeitslosigkeit droht, der Leistungs- und Konkurrenzdruck wächst, Familien lösen sich auf, das fällt auf die Kinder zurück. Auf der anderen Seite müssen die Kinder immer mehr die Eltern glücklich machen. Junge, gut ausgebildete Mütter haben das Gefühl, etwas zu verpassen. Väter leiden darunter, dass sie zu wenig gemeinsame Zeit mit den Kindern haben.

Gibt es einen Unterschied zwischen Großstadt und Land? Der Landkreis Verden ist ja nicht gerade ein sozialer Brennpunkt.

Siegmund: Es gibt auch hier im Kreis soziale Brennpunkte. Zu uns kommen überwiegend Familien mit mittlerem und niedrigem Einkommen, die um ihre Position in der Gesellschaft kämpfen müssen.

Stubenrauch: Was in Stadt und Land übergreifend auffällt, ist, dass die Schere immer wieter auseinander klafft zwischen den Kindern, die viel Aufmerksamkeit bekommen, wo der Druck und die Erwartungen der Eltern sehr groß sind, und den Kindern, denen von den Eltern immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, weil die Eltern genug eigene Probleme haben.

Mehr Mut für Eltern

Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben?

Siegmund: Viele Eltern sind heute verunsichert. Ihnen wünsche ich eine angemessene Stärke im Umgang mit ihren Kindern und dass sie lernen, Konflikte auszutragen.

Stubenrauch: Dass sie den Mut haben, ihre Elternrolle auszufüllen, auch mal Nein zu sagen. Und dass sie wieder mehr mit den Kindern machen. Das müssen keine großen Unternehmungen sein, sich einfach nur Zeit für einander nehmen. (bik)

Zur Erziehungsberatungsstelle siehe auch VN9 und VN10.

 

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