Probleme mit eigenem Wert

Existenzgründerinnenstammtisch: Einmal im Monat Solidarität

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 08.03.2002)


Verden. Ein Dutzend Frauen sitzt um den Tisch in der Domschänke herum, manche im Kostüm, andere in legerer Jeans. Die lustige Runde wird immer größer, ständig müssen Stühle herangerückt werden. Einmal im Monat treffen sich die Existenzgründerinnen im Kreis zusammen mit einigen, die es geschafft haben.

Und weil immer neue dabei sind, gibt es auch diesmal eine Vorstellungsrunde am Anfang. Da sind eine Grafikdesignerin und eine Finanzberaterin, eine Musiklehrerin und zwei Kosmetikerinnen. Eine hat Tulpen mitgebracht – sie hat heute ihr Büro für Unternehmensberatung eröffnet. Alle freuen sich für sie, applaudieren.

Hilfe auch beim Logo

Über diesen ersten Schritt ist Ulla Tammen längst hinaus. Die Kosmetikerin will sich jetzt ein neues Logo zulegen. Sie hat Entwürfe für Visitenkarten dabei und bittet um Rat: "Was meint ihr, was zu mir passt und mein Motto rüberbringt?"

Ingeborg Brase aus Visselhövede hat sich vor etlichen Jahren als Software- und Website-Programmiererin selbstständig gemacht. Sie weiß, wie wichtig eine gute Präsentation ist. "Diese Investition lohnt sich. Es ist ein gutes Gefühl, wenn von der Karte bis zum Briefumschlag alles einheitlich gestaltet ist." Und es wirke auch auf Kunden seriöser: "Wenn ich auftrete wie ein kleiner Homepage-Bastler, kann ich schlecht meine Preise verlangen."

Typisch weibliche Fragen

Dieses Problem kennen viele Frauen in der Runde: Wie bringe ich mich und meine Leistung rüber, wie setze ich meinen Preis durch? Und überhaupt, was bin ich wert? Ob Männer solche Fragen auch haben? Die Existenzgründerinnen bezweifeln es: "Das ist typisch weiblich", sagt Marlies Meyer, Psychologin und Gründerin des Stammtisches. Sie schlägt vor, dass die Gruppe zu diesem Thema zusammen ein Seminar besucht.

Über die Visitenkarten kommt das Gespräch auf den Sinn von Werbung. Ganz darauf verzichten wollten die meisten nicht, aber viel mehr läuft über Mundpropaganda, wissen die Frauen. Und einen langen Atem empfehlen die gestandenen Unternehmerinnen: Bis sich ein fester Kundenstamm aufgebaut hat, können ein paar Jahre vergehen.

Selbstständigkeit ist flexibler

Doch trotz aller Anfangsprobleme bereuen die Frauen ihre Entscheidung nicht. Für Kommunikationsberaterin Sabine Rieck ist dies die flexibelste Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ermutigt die Bankkauffrau Kirsten Paul, die nach der Geburt ihres Kindes nicht zurück in ihren alten Job will. Sie plant, wie sie sich als Finanzberaterin ein Standbein schaffen kann.

Und noch eines geben die Erfahrenen den Neulingen mit auf den Weg: „Ein Mann, der sich selbstständig macht, hat seine Familie im Rücken, eine Frau hat ihre Familie im Nacken.“ Der Stammtisch helfe allerdings, wenigstens ab und zu ein wenig Solidarität zu spüren. (bik)

 

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