Finanzminister als moderner Pirat

Ungewohnte "Wahrheiten" bei Lätarespende / Störtebeker europäischer Unternehmer

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 12.03.2002)


Verden. Einige Schläge mehr brauchten die Gehilfen des Klaus Störtebeker gestern Vormittag vor dem Rathaus, um das erste Fass Salzheringe zu öffnen. Doch dann "flutschte" es nur so in die Tüten, und die 1600 Fische und 530 Brote der traditionellen Lätare-Spende gingen weg "wie warme Semmeln".

Der Überlieferung zufolge starb Störtebeker vor etwa 600 Jahren. Doch gestern stand er frisch und munter und gar nicht kopflos auf dem Verdener Rathausplatz, um sein Versprechen einzulösen und Hering und Brot an die Bevölkerung zu verteilen.

Fisch ist gesund

Und er hatte sich wieder prominente Unterstützung geholt: Hartmut Perschau, Bremens Bürgermeister und Finanzsenator, griff tief ins Heringsfass, ebenso der niedersächsische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Wolfgang Senff, und die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Und eben diese riet immer wieder: "Greifen Sie zu, Fisch ist gesund!"

Was der einfache Hering und das Roggenbrot fürs Volk, das waren die leckeren Köstlichkeiten mit Fisch für geladene Gäste anschließend im Grünen Jäger. In diesem Jahr wurde das Heringsessen zum 30. Mal veranstaltet, erinnerte Gastgeberin Angelika Lürman. Interessante Fischkreationen wurden serviert: von den Maultaschen mit Fischfüllung bis zum Obstsalat mit Fisch und Ingwer-Sahne. Doch bevor der Appetit gestillt werden konnte, mussten die Ehrengäste beweisen, dass sie dem Störtebeker das Wasser reichen konnten.

Schwarzes Herz wie Piratenflagge

So strich Hartmut Perschau unter Gelächter heraus, dass Finanzsenatoren und -minister so etwas wie die Rechtsnachfolger der früheren Piraten seien: "Wir nehmen den Reichen und verteilen an alle, damit die Gerechtigkeit siegt." Außerdem stehe der CDU-Politiker den Seeräubern auch persönlich nahe: "Nicht ohne Grund war die Flagge der Piraten schwarz." Perschau warnte allerdings vor dem "Oberpiraten Eichel" in Berlin, vor dem sich Verdener ebenso wie Bremer in Acht nehmen müssten: "Wir sitzen alle im selben Boot und müssen verhindern, dass wir gekapert werden."

Der Niedersachse Wolfgang Senff strich dem berühmten Seeräuber Honig um den grauen Bart: Der selbstständige Unternehmer habe für sich und seine Mitarbeiter gesorgt und sich auf dem europäischen Markt angeboten. Dass Störtebeker den nicht immer üppigen Lohn auf umstrittene Weise aufgebessert habe, müsse man überdenken. "Aber Sie haben mit Ihren ungewöhnlichen Methoden die verkrusteten Strukturen und das Handelsmonopol der Hanse aufgebrochen." Allein dafür gebühre dem legendären Seeräuber ein "europäisches Denkmal", scherzte der Europaminister.

"Wärden" statt Verden

Als "gute Seele" der Lätare-Spende bezeichnete sich die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: Die ausgesprochen gesunde Ernährung mit Fisch und Vollkornbrot sei sehr empfehlenswert, und das "nicht nur einmal im Jahr". Und wenn jeder Störtebekers Rat befolge und den Todsünden der Wollust und Völlerei abschwöre, dann bleibe Gesundheit auch in Zukunft bezahlbar, versprach die SPD-Politikerin. Allerdings hatte die gebürtige Rheinländerin ihre Schwierigkeiten mit dem Stadtnamen Verden: Konsequent nannte sie die Allerstadt "Wärden", was jedesmal ein heiteres Gemurmel im gut gefüllten Saal auslöste.

Auch Verdens Bürgermeisterin Angelika Lürman musste sich wortwörtlich mit Klaus Störtebeker messen: Sowohl im Schwertkampf als auch im Biertrinken hielt sie mit und wurde schließlich vom Seeräuber ehrfurchtsvoll in den Kreis der Liekedeeler und Vitalienbrüder aufgenommen. Den anwesenden Männern empfahl Störtebeker anschließend: "Legt euch besser nicht mit dieser Frau an!" (bik)

 

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