"Mehr als nur der Kirchgang"

Exerzitien im Alltag bieten Hilfen für Sinnsucher / Konfession spielt keine Rolle

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 13.03.2002)


Verden. "Gott habe ich in den letzten Jahren nicht so auf dem Plan gehabt", gibt Angelika zu. Jetzt allerdings ist der Mutter zweier kleiner Kinder klar geworden, dass es so nicht weitergeht: "Wer Kinder gebärt und erzieht, erlebt Grenzerfahrungen, in denen man eine Sinn, eine Orientierung braucht." Diese Orientierung holt sich die junge Frau zurzeit in den Exerzitien im Alltag, die die katholische St. Josefsgemeinde auch in diesem Jahr in der zeit vor Ostern veranstaltet.

Mit fünf anderen Frauen trifft sie sich einmal in der Woche vormittags im Gemeindehaus. Fast alle haben Kinder, da passt der Termin gut. Und hier haben sie die Ruhe, die ihnen im Alltag so oft fehlt. Gemeinsam meditieren sie, beten, singen und reden über die Erfahrungen der Woche. Denn auch außerhalb der Gruppe hat jede von ihnen ein "Programm": Jeden Tag nehmen sie sich eine halbe Stunde Zeit, um über einen Text oder ein Bild nachzudenken, um ihren Glauben zu erfahren. Die Anregungen bekommen sie aus einer Mappe, die vom Bistum Hildesheim zusammengestellt wurde.

Kein Leistungsdruck

"Es ist sehr schwer, an einem normalen Tag zur Ruhe zu kommen", weiß Pia. Sie muss zunächst alles aufschreiebn, was ihr durch den Kopf geht, bevor sie sich auf die Meditation besinnen kann. Manchmal klappe das gut, manchmal nicht. Aber sie könne eben nicht eine Woche ins Kloster gehen. Da seien diese Exerzitien im Alltag genau das Richtige.

Wenn sie dann einmal in der Woche zusammen kommen, tauschen sie ihre Erfahrungen mt den einzelnen Übungen aus. "Ein tolles Gefühl, wie hier jede akzeptiert wird", ist Pia begeistert. "Ich weiß ja nie vorher, was ein Text oder ein Bild in mir aufbricht. Aber egal, wie es mir geht, die Gruppe trägt es mit." Maria ist es ganz wichtig, dass endlich einmal kein Leistungsdruck herrscht. "Jede erzählt, und die anderen hören zu, ohne zu diskutieren."

Kinderglaube brüchig geworden

Dabei spielt die Konfession für die Frauen keine Rolle. In anderen Exerzitien-Gruppen sind auch Protestanten, weiß Gruppenleiterin Verena. Aber hier geht es allein um den Glauben und die Suche nach Gott. Ulrike erzählt: "Mein religiöses Leben war zuletzt nicht sehr bereichernd. Ich dachte, da müsste doch noch mehr sein als der sonntägliche Kirchgang." Und Pia ergänzt: "Durch meine Kinder werden tiefe Fragen angestoßen, über die ich nachdenken muss. Außerdem ist mein eigener Kinderglaube im Laufe der Jahre brüchig geworden, ich muss Gott erst wieder finden."

Dass die Exerzitien, die täglichen Übungen, sie auch nach der Fastenzeit begleiten werden, können sich die Frauen gut vorstellen. Obwohl, ist sich Maria bewusst, "es wird schwer, nicht wieder in den Trott zurück zu fallen." (bik)

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