Von Verden aus in die große Welt

attac-Büro zieht nach Frankfurt / Globalisierungskritiker jetzt mit 5000 Mitgliedern

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 26.03.2002)


Verden. "Eigentlich ist es dank Internet und E-Mail egal, wo das Büro einer bundesweiten Organisation sitzt", meint Felix Kolb, um dann zuzugeben: "Aber nach zwei Jahren in Verden ist es Zeit umzuziehen." Der Pressesprecher des deutschen Zweiges der weltweiten Protestbewegung attac sagt das nicht ohne Wehmut - immerhin haben er und seine engsten Mitstreiter die deutsche Zentrale der Globalisierungskritiker hier in der Allerstadt gegründet. Doch im Herbst wird das Büro nach Frankfurt am Main ziehen.

Eine so schöne Bleibe wie das Ökozentrum werde man dort sicherlich nicht finden, ist Kolb überzeugt. Aber das alternative Kultur- und Bürozentrum an der Artilleriestraße hat auch Nachteile: So langsam platzen die attac-Räume aus allen Nähten. Zu dritt oder viert hocken die ehrenamtlichen attac-Mitarbeiter in engen Zimmern, beantworten Anfragen, verschicken Prospekte und empfangen Journalisten, die eigens aus Berlin anreisen, um über diese Bewegung zu berichten.

Frankfurt statt Berlin

Ab Herbst müssen sie dann nach Frankfurt fahren - symbolträchtig nahe an der Geldmacht dieser Republik. Die Bankenstadt hat aber noch einen weiteren Vorteil, erklärt Felix Kolb: "Alle sind in Berlin. Da wäre die Gefahr groß, dass wir zu einer Lobby-Organisation wie andere würden." Und das wollen die Aktivisten auf keinen Fall.

Die räumliche Veränderung hängt auch mit der wachsenden Mitgliederzahl zusammen: Gerade wurde das 5000. Mitglied aufgenommen - eine Verzehnfachung in den vergangenen acht Monaten. Und pro Woche landen 150 bis 200 neue Mitgliedsanträge auf den Verdener Schreibtischen.

Allgemeines Unwohlsein

Die Attraktivität der Bewegung erklärt sich Felix Kolb damit, dass attac ein Unwohlsein aufgreift, das es schon länger gibt: Bestseller wie "Die Globalisierungslüge" und "Die Globalisierungsfalle" existieren seit etlichen Jahren. Doch damals gab es keine Bewegung, keine Lösungsmöglichkeit. Seit attac 1998 in Frankreich gegründet wurde, haben die Kritiker der ungerechten Wohlstandsverteilung in der Welt ein Forum.

Und die Bewegung geht weiter,ist Felix Kolb überzeugt: "Sogar innerhalb der politischen und gesellschaftlichen Eliten gibt es immer mehr Kritik an dem herrschenden System." So hat selbst der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Joseph Stieglitz, vor den Folgen unkontrollierter Globalisierung gewarnt.

Berühmte Mitglieder

Gern verweist attac Deutschland auf so prominente Mitglieder wie Oscar Lafontaine oder Gregor Gysi. Aber auch die Gewerkschaften verdi, der Hauptvorstand der GEW oder der DGB Saarland hängen sich an die Bewegung als reguläres oder Fördermitglied. Sogar einzelne Kreis- und Ortsverbände von Parteien haben sich dem Bündnis schon angeschlossen. Die Angst, dabei von den großen Organisationen "geschluckt" zu werden, hat Felix Kolb nicht: "Die wissen, dass attac dann seinen Reiz verlieren würde." Und im Gegenzug können die Globalisierungskritiker von dem breiten Unterstützerbündnis profitieren, so Kolb: "Es verhilft uns zu größerer gesellschaftlicher Akzeptanz. Kreise,die uns gern in die Gewaltecke stellen wollen, haben es auf diese Weise schwerer."

Wenn das Hauptbüro nach Frankfurt zieht, bleiben Felix Kolb und seine Mitstreiter in der Allerstadt. Sie leben in einer WG in Dörverden und fühlen sich sichtlich wohl "auf dem Lande": "Hier haben wir unsere lokalen Wurzeln in der globalisierten Welt." Und vielleicht haben sie dann auch Zeit, eine Ortsgruppe von attac in Verden zu gründen - darum hatten sie sich bislang noch gar nicht gekümmert. (bik)

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