Pferde und Windräder "unvereinbar"

Gutachten bestätigt negative Folgen / Baumgarts in Döhlbergen fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 10.04.2002)


Verden. Dass Menschen unter Windkrafträdern leiden, wenn diese zu dicht an Häusern errichtet werden, davor warnen Bürgerinitiativen auch im Landkreis Verden schon lange. Doch was ist mit den Pferden, für die diese Region so bekannt ist? Ein alarmierendes Gutachten bestätigt jetzt Befürchtungen der Familie Baumgart, die seit 30 Jahren in Döhlbergen erstklassige Dressurpferde trainiert.

In direkter Nachbarschaft ihres Hofes, tausend Meter entfernt, sollen nach dem Willen der Betreiber bis zu vier Windräder entstehen. Nur wenige Kilometer weiter befinden sich bereits fünf Anlagen. Nun sorgen sich Baumgarts um die Psyche ihrer Tiere und die wirtschaftliche Existenz ihres Hofes.

Rotoren gut sichtbar

Von der Weide vor dem Hof, auf der Stuten mit ihren Fohlen stehen, oder von den Paddocks mit den Jährlingen wären die nahen Rotoren gut zu sehen. Nun liegt ein Gutachten der Tierärztlichen Hochschule in Hannover vor. Es besagt, dass die Art der Pferdehaltung in Döhlbergen "nicht vereinbar" sei mit Windkraftanlagen vor der Haustür.

Damit werden zwei weitere Gutachten bekräftigt, die bereits die negative Auswirkungen der Rotoren auf die Tierzucht betont haben. "Speziell Hochleistungspferde wie unsere Dressurpferde sind äußerst sensibel, die stehen zwischen Genie und Wahnsinn. Wenn die nicht entspannt sind, sind sie für die Prüfung unbrauchbar", weiß Reinhard Baumgart. "Kriegt ein solches Pferd einmal einen Schock, kann es sein, dass es für immer einen Schlag weghat."

Angst der Kunden reicht aus

Dass nicht alle Pferde so reagieren, ist den Baumgarts bewusst. "Aber es würde reichen, dass unsere Kunden, die aus Amerika oder Schweden kommen und hier ihre Pferde unterstellen und trainieren, Angst um ihre Tiere haben." Dann könnten sie einpacken.

In einem Schreiben an die Stadt Verden und den Landkreis haben die Züchter auch darauf hingewiesen, dass der Ruf der Reiterstadt Verden leiden könnte. Der Olympiareiter Klaus Balkenhol habe im westfälischen Kreis Coesfeld bereits die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass sich die amerikanische Equipe der Dressurreiter für einen anderen Trainingsort entschied, weil in der Nähe seines Hofes ebenfalls eine große Windanlage entstehen soll.

Reitertourismus könnte leiden

"Wenn im Vorgarten von Verden alles zugepflastert ist mit Windrädern, fühlen sich auch Reittouristen nicht mehr wohl", gibt Anneli Baumgart einen weiteren Aspekt zu bedenken. Und gerade den ökologisch sanften Pferdetourismus möchte man hier ja fördern.

In der Pferdeszene gibt es zwar auch Stimmen von Züchtern, die negative Folgen für die Pferde abstreiten. "Aber die haben doch alle selbst Windräder auf ihrem Boden und kriegen dafür 20 000 Mark Pacht im Jahr", schimpft Anneli Baumgart. "Da liegt es nahe, dass sie schweigen." Ihr Schwager Harm Thormählen, der Springpferde in Schleswig-Holstein züchtet, hatte ebenfalls ein Angebot von Windkraftbetreibern. "Aber er war weitsichtiger, hat abgelehnt."

Gutachten weitergeleitet

Jetzt leitet die Familie Baumgart das Gutachten an Stadt und Landkreis Verden weiter. Sie hofft, die Windräder damit für immer verhindern zu können. Der Rückhalt der übrigen Dorfbewohner ist ihr sicher. "Hier will niemand die Windkraftanlagen, außer den Betreibern und Landbesitzern." (bik)

 

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