Motto: Erhaltung statt Zerschlagung

Immer mehr Insolvenzen / Jetzt auch Ofenbauer Ziech

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 25.04.2002)


Verden. Anfang des Jahres meldete der Freizeitpark Verden Insolvenz an, vor gut einem Monat war es die Bäckerei Ruge, am vergangenen Freitag musste Ofenbauer Ziech den Weg zum Amtsgericht gehen und immer wieder fällt in dem Zusammenhang der Name Dr. Christian Willmer. Der Anwalt hat sich auf Insolvenzrecht spezialisiert und zurzeit alle Hände voll zu tun.

Im Fall der Bäckerei Ruge sei eine Entscheidung noch nicht gefallen, so Willmer. Seit dem 14. März ist er als vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt und führt den Betrieb mit 62 Mitarbeitern und fünf Filialen fort. Parallel dazu arbeite er die Buchhaltung auf, forsche nach den Gründen für die Insolvenz und führe Verhandlungen mit Übernahmeinteressenten. "Erfreulicherweise gibt es mehrere Angebote, die wir zurzeit prüfen."

Ruge und Ziech

Dass die Ruge-Filiale in der Großen Straße bereits Mitte Mai schließen wird, habe jedoch nichts mit seiner Arbeit zu tun, versichert Willmer: "Die Entscheidung hierfür war schon vor dem Insolvenzantrag gefallen." Was mit den dortigen Mitarbeitern geschehe, sei noch nicht klar.

Seit gestern kümmert sich Willmer auch offiziell um die Insolvenzabwicklung des Kachelofen- und Kaminbauers Ziech. Zunächst müsse geprüft werden, ob der Betrieb noch genug Masse habe, um das Verfahren zu eröffnen. Dieser Fall sei anders als beispielsweise die Ruge-Insolvenz, weil der Ziech-Betrieb faktisch bereits stillgelegt sei, erklärt Willmer: "Die ehemals zwölf Mitarbeiter hatten bereits selbst gekündigt, nachdem sie drei Monate keinen Lohn und kein Gehalt bekommen hatten." Den Betrieb könne er daher nicht fortführen. Damit sei die Aufgabe, das Unternehmen zu erhalten, schwieriger geworden.

Zerstörung von Strukturen

Generell bemühe er sich besonders um den Erhalt der Firma, soweit es eben ginge, betont Willmer. "Natürlich würde die einfache Zerschlagung weniger Engagement meinerseits erfordern. Aber es würden auch Arbeitsplätze, Strukturen und Werte zerstört." Daher führt er die Firmen in der Regel so lange weiter, bis sich eine Sanierungsmöglichkeit oder eine Verkaufschance ergibt oder eben nicht.

Dass Willmer als Jurist im Prinzip keine Ahnung hat von so unterschiedlichen Branchen wie dem Baugewerbe, Bäckereien oder Freizeitparks, findet er nicht hinderlich: "Ich arbeite mich ein und eigne mir so Branchenkenntnisse an, die ich beim nächsten Mal wieder brauche." Außerdem sei neben dem Juristen auch stets der Manager gefragt, egal in welcher Branche.

Mehr Insolvenzen in vergangenen Jahren

Willmers persönlicher Eindruck, dass die Zahl der Insolvenzen gestiegen ist, wird untermauert durch Zahlen vom Amtsgericht Verden: Danach meldeten im Jahr 1999 39 Firmen Zahlungsunfähigkeit an, im Jahr 2000 waren es 49, im darauf folgenden Jahr 65 und allein im ersten Quartal 2002 kamen 21 echte Firmeninsolvenzen sowie 26 ehemals Selbstständige hinzu. Als Prognose rechnet man im Amtsgericht mit über 80 Insolvenzen in 2002 eine deutliche Steigerung. Und Anwalt Willmer weiß aus seiner langjährigen Erfahrung: "Die Häufung von Insolvenzverfahren im Mittelstand ist in ihrer Bedeutung für den Arbeitsmarkt noch viel schwerwiegender als ein paar spektakuläre Fälle wie Holzmann." (bik)

 

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