Krawatten für den "lieben Onkel"

Ausstellung über Tabuthema: Sexueller Missbrauch von Kindern

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 30.05.2002)


Verden. 2000 rosarote Krawatten hängen in der Mitte des abgedunkelten Raumes, daneben aufgespießte Zeitungsausschnitte über sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen um Konfrontation mit einem Tabu geht es derzeit im Foyer der Berufsbildenden Schulen in Dauelsen.

Die Wanderausstellung "Was sehen Sie, Frau Lot?", die gestern vor Schülern eröffnet wurde, greift mit künstlerischen Mitteln ein Thema auf, das viele verdrängen möchten. Auch die Künstlerinnen Maria Mathieu, Renate Bühn und Heike Pich sind als Kinder missbraucht worden und haben die Tat erst als Erwachsene langsam aufgearbeitet unter anderem durch die Kunstwerke, die sie jetzt in der BBS zeigen.

"Sicheres Verbrechen"

Darunter sind zum Beispiel die Krawatten, die symbolisch für die vielen Sexualtäter stehen. Von 2000 werden nur 100 angezeigt und wiederum nur 15 tatsächlich angeklagt. Drei davon werden freigesprochen, zehn bekommen eine Bewährungsstrafe und nur zwei müssen tatsächlich mit einer Haftstrafe rechnen. Die Künstlerin Renate Bühn spricht von sexuellem Missbrauch als "sicherem Verbrechen", weil die Täter gesellschaftlich integriert bleiben.

In einer anderen Ecke irritieren ein schiefer Stuhl und Tisch mit einer angebrochenen Schokolade sowie zwei Paar Hausschuhe die Betrachter. "Guckt doch mal, wie die Schuhe stehen. Ist doch klar, das Mädchen sitzt auf dem Schoß des Vaters", erklärt Corinna Ehlert ihren Mitschülerinnen die Installation. Den Rest malt sich jeder selbst aus. "Diese Ausstellung macht mich betroffen", sagt die 17-Jährige. "Besser als nur Plakatwände zum Thema." Ihre Freundin Sabrina Penczok stimmt ihr zu: "Vor allem kann das ja jedem geschehen."

Unvorstellbarer Vertrauensbruch

Tatsächlich hat statistisch jedes fünfte Mädchen und jeder zwölfte Junge sexuelle Gewalt erfahren, erklärt Ebbe Ache, Mitarbeiterin der Oldenburger Beratungsstelle "Wildwasser", bei der Eröffnung. Meistens von Vater, Opa, "liebem Onkel". Und die Dunkelziffer sei hoch : "Dieser unvorstellbare Vertrauensbruch führt zu Verwirrung, Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und großen Ängsten, das Opfer schweigt, und es ist schwer, die Signale zu erkennen."

Dass viele Mütter wegschauen, ist ein weiteres zentrales Thema der Ausstellung. Maria Mathieu greift dies in Form der "Frau Lot" auf, die zur Salzsäule erstarrt ist und ihren Töchtern nicht hilft. Eine "schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter", wie sie heute sagt.

"Die Werke stoßen etwas an"

Heike Pich ist gespannt auf die Resonanz in Verden. In Bremen, wo die Ausstellung bereits gezeigt wurde, haben sie viele anschließend angesprochen, berichtet die Künstlerin: "Oft ist durch die Werke etwas in ihnen angestoßen worden, das sie nun endlich los werden mussten." Das Ziel der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Trauma: Für sich selbst eine Distanz schaffen, die es anderen ermöglicht, sich dem Thema anzunähern.

Heute Abend um 19 Uhr wird die Ausstellung offiziell für die Öffentlichkeit geöffnet. Anschließend ist sie bis zum 15. Juni zu sehen, montags bis freitags von 9.30 bis 16.30 Uhr und samstags von 11 bis 16 Uhr. (bik)

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