Salzwasser-Motor treibt die Pferdchen an

Nostalgie-Karussell kommt seit 18 Jahren zur Domweih

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 06.06.2002)


Verden. "Mary", "Halla" oder "Fury" heißen sie und drehen seit Ewigkeiten unermüdlich ihre Runden zur Musik. Zugegeben, sie bewegen sich etwas hölzern, aber dafür sie sind pflegeleicht. Die drei Pferde gehören zum 109 Jahre alten Nostalgie-Karussell, das Holger Vespermann bereits in der dritten Generation betreibt. Schon zum 18. Mal besucht er die Domweih, und immer noch ist das Karussell eine Attraktion für Jung und Alt.

Kinderfahrgeschäfte gibt es viele, aber nur wenige haben eine so lange Geschichte wie dieses hier, weiß Vespermann und zeigt ein dickes Album mit alten Fotografien und Zeitungsausschnitten. Da sieht man den uralten Traktor, der die Wohnwagen früher zog, und das Karussell, an dem sich anscheinend nichts verändert hat. Da sieht man auch den jungen Holger Vespermann, wie er "Mary" und "Halla" mit Pinsel und Farbe für die neue Saison auffrischt.

Auch exotische SChaukeltiere

Neben den "klassischen" weißen Schaukelpferden sind nach dem Zweiten Weltkrieg Exoten hinzu gekommen: Ein Strauß namens "Franz-Josef", ein Eisbär, eine Giraffe, ein Känguru. "Das hat einem Bahnangestellten vor Jahrzehnten einen Schrecken versetzt, der hatte so ein Tier noch nie gesehen und dachte, es sei echt." Etwas unscheinbar in zweiter Reihe ist der kleine Elefant, der als Einziger aus massivem Holz ist. Vespermann lacht: "Wenn jemand beim Abbau aushilft, meint er, er sei noch angeschraubt. Der wiegt eben einen Zentner."

Und auch der Antrieb ist so alt wie das Karussell: Elektrifizierte Eisenstäbe werden in Salzwasser geschoben, je tiefer, desto mehr Strom fließt und desto schneller dreht sich der Motor des Karussells - Bremse oder Hydraulik nicht nötig und fast wartungsfrei. "Nach diesem Prinzip funktionierten früher alle Karussells", sagt Vespermann. "Aber als wir einmal einen Kurzschluss hatten, musste ich dem Elektriker erst erklären, wie das funktioniert."

Schaustellerfamilie Vespermann

Für ihn, der auf dem Rummelplatz aufgewachsen ist, ist so etwas eine Selbstverständlichkeit. Vier Brüder waren sie zu Hause, und alle sind sie Schausteller geworden, wie schon zuvor die Großeltern und mittlerweile auch die Enkel: Einer tingelt mit einer Automatenbude durch die Lande, ein anderer betreibt sein Lokal in der Bremer Innenstadt, und er selbst hat neben dem elterlichen Holzkarussell noch die "Giftküche", eine mobile Kneipe. Vespermanns gibt es fast auf allen Jahrmärkten Deutschlands. Ein anderes Leben als dieses kann sich Holger Vespermann nicht vorstellen, auch wenn er eine Wohnung in Hamburg hat.

Allerdings wird es immer schwieriger, feste Angestellte zu finden: "Diese Arbeit will keiner machen, erst recht nicht am Kinderkarussell. Hier kann man ja nicht einmal mit den jungen Mädchen flirten wie beim Autoscooter." Er ist froh, dass ihm seine zwei Mitarbeiter seit 16 Jahren treu sind. Zu dritt fahren sie von Kirmes zu Rummel, früher in ganz Deutschland, mittlerweile nur noch zu fünf oder sechs Orten in Norddeutschland. "Es lohnt sich nicht mehr", gibt Vespermann zu. "Die Leute halten ihr Geld zusammen, und so gut feiern wie früher können sie auch nicht mehr. Außerdem werde ich selbst ja auch nicht jünger." Aber über einen Nachfolger macht sich der 58-Jährige keine gedanken: Immerhin hilft seine Tochter bereits an der Kasse aus, und sein Sohn ist mit 20 Jahren auch bald soweit, dass er ins Geschäft einsteigen kann. (bik)

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