Leistungstests ja, aber Zentralabi?

Verdens Gymnasialleiter bewerten Gabriels Vorstellungen unterschiedlich

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 27.06.2002)


Verden. Sommerferien - und trotzdem wird viel und heftig diskutiert über Schule, Unterricht und Leistungen. Noch bevor jetzt die deutschen Länderergebnisse der PISA-Studie veröffentlicht wurden, schlug Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel ein Zentralabitur und landesweite Vergleichstests vor. An Verdener Gymnasien stoßen die Ideen auf geteiltes Echo.

Über Gabriels "Schnellschuss" ärgert sich der Leiter des Gymnasiums am Wall (GaW), Jürgen Budig: Weil sich ein Zentralabitur frühestens 2004 realisieren lasse, bestehe kein Anlass, das Thema am ersten Ferientag anzuschneiden. Das bringe nur Unruhe unter die Lehrer und Schüler. Darüber hinaus hält Budig die Auswirkungen eines Zentralabiturs für problematisch: "Ein Kurslehrer betreut seine Gruppe zwei Jahre lang und kann die Abi-Aufgaben dementsprechend abstimmen. Mit einer zentralen Prüfung geht das nicht mehr."

Reichen Rahmenrichtlinien?

Auch heute werde durch die vielfache Korrektur der Aufgaben und Lösungen der Leistungsstand angeglichen, gibt Budig zu bedenken. Und die Rahmenrichtlinien regelten ohnehin schon den Stoff, der bis zur Abschlussprüfung behandelt werden müsse. "Die Freiheit des Lehrers innerhalb der Richtlinien würde verengt werden."

Dem widerspricht Dr. Clemens-August Borgerding vom Domgymnasium. Der langjährige Befürworter des Zentralabiturs sagt, die Rahmenrichtlinien deckten etwa 60 Prozent des Unterrichts ab. "Niedersachsen muss sich überlegen, ob wenigstens diese 60 Prozent so verbindlich sind, dass daraus zentrale Abi-Aufgaben entwickelt werden können." Den pädagogischen Freiraum der Lehrkräfte sieht er nicht eingeschränkt.

Arbeitserleichterung

Außerdem bedeute ein Zentralabitur eine Arbeitserleichterung für die Schulen und Lehrer. Und nicht zuletzt gehöre die Schule der Exekutive an und müsse sich selbstverständlich einer Kontrolle unterwerfen.

Werner Lang, an den Berufsbildenden Schulen verantwortlich für die drei Fachgymnasien, fragt sich, ob ein Zentralabitur manche Lehrer nicht ermuntern würde, zielorientierter zu arbeiten, Allerdings: "Für reine Fakten-Fächer wie Mathematik mag so etwas gut sein. Ob es für Deutsch, wo es mehr um Emotionen und Zugang zur Literatur geht, auch sinnvoll ist, weiß ich nicht." Für die Fachabiture kann er sich allerdings keine zentrale Prüfung vorstellen: Die Unterrichtsinhalte seien teilweise berufsbezogen.

Vergleichstests interessant

Einig sind sich Borgerding und Budig in der Bewertung von Vergleichstests nach den Klassen vier, sechs und acht. Zwar müsse abgewartet werden, wie sie genau aussehen sollen, aber generell sei ein schulübergreifender Leistungsvergleich interessant auch für die Beurteilung der eigenen Schule. Fraglich sei jedoch, ob das Ergebnis dieser Tests in die Endnote eingehen sollte, merkt GaW-Leiter Budig an. "Ich habe das Gefühl, dass viele Schüler heute sehr zielgerichtet auf Zensuren hin arbeiten. Wenn ein Test keine direkten Auswirkungen hat wie bei PISA, dann strengen sie sich auch nicht an." (bik)

 

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