"Ohrenzeit" im Verdener Krankenhaus

Besuchsdienst der "Grünen Damen" ist Bereicherung für beide Seiten / Supervision unterstützt Helferinnen

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 06.07.2002)


Verden. "Wir sind nur ein großes Ohr." Das sagen Rena Fischer und Gertraud Bals, wenn sie über ihre Aufgabe sprechen: Die beiden Frauen sind so genannte "Grüne Damen", die in der Aller-Weser-Klinik Patienten besuchen. Zwei Mal in der Woche gehen sie in "ihre" Stationen und hören den Kranken zu, sind für sie da.

Seit acht Jahren ist Rena Fischer eine "Grüne Dame" im Verdener Krankenhaus. Anfangs hatte sie nicht gedacht, dass sie so etwas könne. "Viele Menschen haben ja Angst vorm Krankenhaus, vor der Luft und der ganzen Situation. So ging es mir auch", gibt die 54-Jährige zu. Aber als ihre Tochter eine Woche in der Klinik liegen musste, merkte sie, dass sie die kranken Zimmergenossinnen dort gut aufmuntern konnte. "Das hat mir Mut gemacht, und seitdem bin ich dabei."

Manche schütten ihr Herz aus

Regelmäßig gehen sie, ihre acht Kolleginnen sowie ein Kollege vormittags von Zimmer zu Zimmer und bieten Gespräche an, besorgen auf Wunsch auch Bücher oder Kleinigkeiten aus der Stadt. "Manche denken, wir wollen was von ihnen, dabei geben wir nur, nämlich unsere Zeit", erklärt Fischer. Und manche Patienten nutzen auch das Angebot und schütten ihnen ihr Herz aus. Rena Fischer betont, dass die Gespräche selbstverständlich der Schweigepflicht unterliegen. "Unsere erste Regel heißt zuhören und Geduld haben, dann kommt es bei vielen schon von selbst heraus."

Die zweite wichtige Regel lautet: niemals Ratschläge geben, erst recht nicht bei medizinischen Problemen: "Wir bilden uns zwar regelmäßig ein wenig fort, aber wir sind ja keine Ärzte, wir können gar nicht dem Patienten zu einer Operation zu- oder abraten", sagt Gertraud Bals. Sie ermuntern nur die Patienten, selbst viele Fragen zu stellen, wenn sie unsicher sind.

Krankenschwestern haben wenig Zeit

Wenn ein Patient gar keinen Besuch bekommt oder ihm etwas auf dem Herzen liegt, kriegen das oft auch die Krankenschwestern mit. "Nur haben sie leider kaum Zeit, sich darum zu kümmern", weiß Rena Fischer. Dann geben sie den "Grünen Damen" eine Tipp, wer besondere Aufmerksamkeit braucht.

Strikte Ablehnung begegne ihnen selten, so Gertraud Bals: "Wir sind mittlerweile ein Begriff." Immerhin gibt es die "Evangelische Krankenhaushilfe", wie es offiziell heißt, in Verden bereits seit 25 Jahren, in Deutschland sogar seit 30 Jahren. Bundesweit sind mehr als 1100 Damen und 500 Herren ehrenamtlich engagiert, das bedeutet, in fast jedem Krankenhaus findet sich dieser Besuchsdienst. "Grüne Damen" heißen sie übrigens wegen des traditionell grünen Kittels, den sie tragen.

Umgang ist Übungssache

Um selbst das Gehörte zu verarbeiten, bekommen die Damen einmal im Monat Hilfe durch Supervision. Und es sei auch Übungssache, sagt die Verdener Koordinatorin Fischer: "Am Anfang war ich manchmal drei Tage fertig, heute gebe ich viele Probleme an der Krankenhauspforte ab, wenn ich gehe."

Wer den Besuchsdienst machen möchte, muss auf alle Fälle selbst psychisch gesund und stabil sein. Bereut haben Rena Fischer und Gertraud Bals ihr Engagement noch nie: "Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich mit der unendlichen Dankbarkeit von manchen Patienten umgehen soll. Dann denke ich, ich hab doch nichts gemacht, nur dagesessen und zugehört", erzählt Gertraud Bals. Der Besuchsdienst sei eben nicht nur für die Kranken positiv, sondern auch eine große persönliche Bereicherung für die ehrenamtlich tätigen Damen und Herren. (bik)

 

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