Immer häufiger Drogen am Steuer

Fehlender Schwellenwert macht Experten zu schaffen

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 13.08.2002)


Verden. Alarmierende Zahlen: 49 Mal musste die Polizei im Landkreis Verden im vergangenen Jahr wegen Drogen im Straßenverkehr eingreifen, zuvor waren es nur 21 (2000) beziehungsweise 11 Mal (1999). Und die Straßenverkehrsbehörde des Kreises kassierte allein im ersten Halbjahr 2002 sieben Führerscheine wegen Drogen ein - von 20 Fällen insgesamt.

"Tendenziell nehmen Autofahrten unter Drogeneinfluss zu, während Alkoholfahrten leicht abnehmen", bestätigt Verkehrssicherheitsberater Peter Granzow von der Verdener Polizei. "Das spiegelt sich auch in den Unfallzahlen wieder: 1998 waren es in Niedersachsen 102 Unfälle mit Drogen, im Jahr 2000 schon 129." Allerdings gibt der Polizist zu bedenken: "Wir sind aufmerksamer geworden im Bereich Drogenfahrten ohne Folgen." Spätestens seitdem in der Polizeiinspektion Verden der Drogenschnelltest "Drugwipe" eingeführt wurde, haben die Beamten bei Kontrollen ein Instrument, Drogenmissbrauch einfach festzustellen.

Keine klare Regelung für Drogenfahrten

Hauptproblem für die Strafverfolgung ist und bleibt aber der fehlende Schwellenwert: Während bei Alkoholsündern die Folgen für einen Alkoholblutgehalt von 0,5 Promille und mehr klar geregelt sind, gibt es bei Haschisch-, Heroin- oder Ecstasy-Konsum noch keine klare Regelung. Die Straßenverkehrsordnung ist hier formal eindeutig: Sie besagt, dass es verboten ist, mit diesen Substanzen im Blut Auto zu fahren.

Diese "Null-Drogen-Regelung" wäre auch am einfachsten durchzuführen, gibt Rolf Hestermann, Leiter der Führerscheinstelle im Kreis, zu. "Aber das ist nicht realitätsnah." Er wünscht sich wissenschaftliche Tests, bis zu welchem Grad Drogenkonsum das Reaktionsvermögen tatsächlich einschränkt. "Diese Tests gab es vor Jahrzehnten auch mit Alkohol, und erst danach wurde die 0,8-Promille-Grenze eingeführt."

Umstrittene Urteile

Bis es soweit ist, müssen Gerichte den Einzelfall überprüfen. Erst jüngst hat das Bundesverfassungsgericht (BVG) entschieden, dass der bloße Besitz von Haschisch nicht den Entzug des Führerscheins rechtfertigt. Kritiker der Polizeipraxis verglichen den Fall mit der Flasche Schnaps, die ohne Probleme im Auto transportiert werden könne. "Es wurde Zeit, dass endlich die in bestimmten Fällen unfaire Praxis gegenüber Haschisch-Konsumenten aufgehoben wurde", sagt auch der Bremer Verkehrspsychologe Michael Tillmann, der drogen- und alkoholauffällige Fahrer berät.

Verkehrsexperte Granzow stellt jedoch klar: "Auch Alkoholbesitzer können unter Umständen ihre Fahrerlaubnis verlieren, wenn der Verdacht besteht, sie könnten abhängig und damit nicht mehr verkehrstüchtig sein."

Strafverfahren wird oft eingestellt

Wird ein Fahrer beim erstmaligen Drogen-Konsum erwischt, wird das Strafverfahren in der Regel eingestellt, weiß Rolf Hestermann. Wer jedoch die Fahrerlaubnis wegen Drogen verliert, wird auf jeden Fall zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) geschickt, dem so genannten Idiotentest. "Wir sollen herausfinden, wie viel Drogen der Fahrer nimmt und ob er trennen kann zwischen Rausch und Autofahren", erklärt Hestermann. "Das können aber nur geschulte Ärzte und Psychologen."

Die Verkehrstherapeuten versuchen zudem, die innere Einstellung und Konsumgewohnheiten der Drogenfahrer zu verändern. Denn Bestrafungen und Sanktionen zeigen einer Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen zufolge nur bei "Anfängern" und "Gelegenheitskiffern" abschreckende Wirkung. Verkehrspsychologe Tillmann weiß: "Beratung, Aufklärung und eine Verkehrstherapie können dagegen wichtig sein, um den Führerschein zu behalten oder wieder zu bekommen." (bik)

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