Von der Schriftführerin im Ortsverein zur Politikerin auf Bundesebene

Ina Lenke (FDP) setzt im Wahlkampf lieber auf Partei-Konzepte als auf die Quotenregelung

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 06.09.2002)


Oyten. Wenn Ina Lenke im Oytener Bürgerbüro der FDP einmal Ruhe für ein Gespräch haben will, muss sie schon alle drei Telefonhörer daneben legen. Sonst klingelt es alle paar Minuten, vor allem jetzt in der heißen Phase des Wahlkampfes. Da wollen Zeitungskommentare geschrieben, Reden und Besuchsprogramme vorbereitet und zwischendurch noch mit dem Berliner Büro abgestimmt werden. Doch jetzt nimmt sich die 54-Jährige Zeit, nippt an der obligatorischen Tasse Tee und fixiert ihr Gegenüber aufmerksam.

Eine Frau in der Bundespolitik, das sei leider immer noch eine Ausnahme, weiß Ina Lenke. Dabei sei es so wichtig, dass sich gerade Frauen für die Themen einsetzten, die sie beträfen: Familie, Bildung, Arbeit. "Wer weiß besser, was hier nötig ist, als wir Frauen selbst?" Dennoch lehnt sie eine Quotenregelung ab: "Lieber will ich mit Themen und guten Konzepten gewinnen als nur damit, dass ich eine Frau bin."

"Dann machst du selbst etwas"

Eine gehörige Portion Selbstbewusstsein hat sie bereits in der Schulzeit mitbekommen, vermutet sie: "Ich war in einer reinen Mädchenklasse, da gibt es ganz andere Voraussetzungen." Politik hat sie auch schon früh interessiert, obwohl sie nicht aus einem klassischen politischen Elternhaus kommt: Als 14-Jährige hörte sie eine Bekannte sagen, Politik sei ein schmutziges Geschäft. "Das fand ich ungerecht und viel zu pauschal. Ich dachte, entweder beklagst du dich nur oder du machst etwas selbst."

Sie entschied sich für das Letztere. Nachdem sie ihren Ehemann in Göttingen kennen gelernt und ihm vom nordrhein-westfälischen Mettmann über Düsseldorf und Wiesbaden nach Oyten gefolgt war, trat sie 1974 in die FDP ein. Da sie zu diesem Zeitpunkt wegen des Sohnes nur halbtags arbeitete, hatte sie Zeit, sich in der Partei zu engagieren. Die politische Karriereleiter führte sie von der Schriftführerin im Oytener Ortsverein über den Gemeinderat und Kreistag zum Landtag und schließlich vor vier Jahren in den Bundestag.

"Bin kein Workaholic"

Engagement findet die gelernte Steuerfachangestellte wichtig, aber die 80-Stunden-Woche, die so ein Job im Bundestag zeitweise bedeutet, möchte Ina Lenke keinesfalls bis zum Rentenalter machen - "ich bin kein Workaholic, ich kann auch ohne Arbeit sein!" Dennoch hofft sie, dass ihr Mandat nach dem 22. September verlängert wird: "Eine Legislaturperiode braucht man schon, um sich einzuarbeiten. Es wäre schade, wenn ich meine Erfahrungen jetzt nicht mehr ausschöpfen könnte." Außerdem fühlt sie sich den Bürgern gegenüber verpflichtet: "Immerhin werde ich vom Steuerzahler bezahlt, meine Arbeit zu tun."

Das erklärt sie auch gerne Besuchsgruppen, die verwundert sind über das muntere Kommen und Gehen im Berliner Reichstag. "An den Sitzungstagen haben wir immer wieder auch Ausschüsse, zu denen wir müssen, oder wir haben eine Rede vorzubereiten." Das lässt sich Ina Lenke nämlich selten nehmen: Wenn sie spricht, dann möglichst authentisch, und das geht nur, wenn sie den Text selbst schreibt.

Bundestagsarbeit ist ganz anders

Dabei sieht sie sich nicht als Expertin für das eine oder andere Thema, sondern als gewählte Bürgerin, die für mehrere Jahre die Möglichkeit hat, Politik zu beeinflussen. Dass sie zuvor vier Jahre im hannoverschen Landtag gesessen hat, hat Lenke die Eingewöhnung in Berlin nicht erleichtert: "Die Arbeit ist zeitlich und inhaltlich ganz verschieden." Während sie im Landtag für sämtliche Themen zuständig war, hat sie sich im Bundestag auf einige wenige Felder spezialisiert.

Dazu gehört der Zivildienst. Sie argumentiert vehement gegen den so genannten Zwangsdienst der Bundeswehr und wehrt sich auch gegen den Vorschlag des niedersächsischen Innenministers Heiner Bartling, ein allgemeines Pflichtjahr für Frauen und Männer einzuführen. "Dagegen würde ich auf die Straße gehen." Sie findet es unsinnig, die Wehrpflicht beizubehalten, weil das soziale Leben ohne die Zivildienstleistenden zusammenbrechen würde. "Dann lieber eine Berufsarmee einrichten und gleichzeitig die Pflegeberufe attraktiver machen, so dass hier echte Arbeitsplätze geschaffen werden."

Mehr Kinderbetreuung wichtig

Auch in der Familienpolitik kennt sie sich bestens aus. "Familie und Beruf müssen besser miteinander vereinbar werden", lautet die Forderung der FDP, und Ina Lenke als Mutter und bald dreimalige Großmutter weiß, wovon sie spricht. Mehr Kinderbetreuungsangebote, steuerliche Absetzbarkeit, eine Kita-Card, Ganz- und Halbtagsschulen - all das liegt ihr am Herzen, und wenn sie darüber spricht, ist ihr rheinischer Singsang deutlich zu hören.

Dass sie sich auch in ihrer Partei mit ihren persönlichen Zielen nicht immer durchsetzen kann, findet Lenke nicht sehr schlimm. "Der Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Kindergarten-Platz ist zwar mit knapper Mehrheit nicht ins FDP-Programm aufgenommen worden, aber ich werde das einfach wieder probieren." Ein weiteres liberales Konzept: mehr freier Wettbewerb auch in der Kinderbetreuung: "Das kann viel Gutes bewirken, wie wir das ja schon im Bereich der ambulanten Pflege erlebt haben."

Hochkarätige Unterstützung im Wahlkampf

Dass der Umweltschutz als Lebensgrundlage für die nächsten Generationen wichtig ist, dass Familien mit einem Freibetrag von 7500 Euro pro Person steuerlich entlastet werden müssen und dass das Gesetz zur Scheinselbstständigkeit abgeschafft gehört, weil es gerade auch Frauen diskriminiert, sind ebenfalls ihre Schwerpunkte im Wahlkampf. Um sich gegen die anderen Direktkandidaten durchzusetzen, hat sie sich einige hochkarätige Leute aus der Parteiriege in ihren Wahlkreis eingeladen: Unter anderem half ihr Parteivize Rainer Brüderle das Parteiprogramm vor Selbstständigen in Achim zu erklären. Wolfgang Gerhard, die ehemalige Generalsekretärin Irmgard Schwaetzer und Ex-Bundesaußenminister Klaus Kinkel sind in den Wahlkreis gekommen - die Liberalen scheinen zu wissen, was sie an Ina Lenke haben, die seit 1997 auch im Bundesvorstand sitzt.

Und die Oytenerin unterstützt selbstverständlich die Weigerung der Parteiführung, vor dem 22. September eine Koalitionsaussage zu machen: "Wenn in einer Koalition nicht eindeutig die Weichen für eine FDP-geprägte Politik gestellt werden, regieren wir lieber gar nicht mit, weil wir dann nicht erfolgreich sein könnten."

Größere Wohnung in Berlin geplant

Wenn sich ihre Zeit in Berlin um weitere vier Jahre verlängert, will sie sich dort endlich eine größere Wohnung nehmen - damit ihr Mann sie in der Bundeshauptstadt häufiger begleiten kann. Noch pendelt er täglich nach Hamburg und sie mindestens alle 14 Tage für zwei Wochen nach Berlin - da bleibt nicht viel Zeit für gemeinsame kulturelle Ereignisse.

Derzeit gehören zu den raren gemeinsamen Wochenenden Kochen, Spaziergänge oder eine Radtour nach Fischerhude zum Erholungsprogramm. "Oder einfach faul auf der Terrasse liegen." Doch dazu hatte sie in den vergangenen Wochen allerdings wenig Gelegenheit. Und wie auf Kommando klingelt es an der Tür des Bürgerbüros, jemand möchte wissen, wer wann das blaue FDP-Auto für die nächste Plakatieraktion benötigt - und schon hat der Wahlkampf Ina Lenke wieder.

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