Wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen

Soziologe: Versagensängste bei Eltern sind unberechtigt

(veröffentlicht in den Verdener Nachrichten, 20.02.2002)


Verden. "Erziehung ist ein unpassendes Wort für das Zusammenleben von Eltern und Kindern", findet Pieter Hutz. "Man sollte besser von gegenseitigem Prägen und Fördern sprechen." Mit diesen Worten machte der Berliner Diplom-Soziologe die etwa 130 Zuhörer nachdenklich, die am Montagabend zum Festvortrag der Erziehungsberatungsstelle in den Kreistagssaal gekommen waren.

Seit 25 Jahren gibt es die Erziehungsberatungsstelle im Kreis, und ebenso viele Jahre hat Hutz Erfahrungen in Berliner Kinderschutzzentren gesammelt. Seine These: "Eltern brauchen Spielräume für ihre mutige Lebensform, sonst schlagen die Wünsche in Verwünschungen um."

Wünsche sind in Ordnung

Mit Spielräumen meinte der Referent zum Beispiel Gelassenheit und Geduld, sowohl mit den Kindern als auch mit sich selbst. "Dass wir Wünsche haben, wie unser Kind werden soll, ist normal. Allerdings müssen wir lernen, dass diese Wünsche nicht immer so in Erfüllung gehen." Das habe nichts mit Versagen zu tun. Genau diese Schuldgefühle hätten jedoch viele Eltern. Schuld und Scham engten die Spielräume weiter ein, der Konflikt spitze sich zu.

Im extremsten Fall, weiß der Soziologe, münde diese Schuld darin, dass Eltern ihr Kind ablehnen. "Dieses scheußliche Gefühl ist jedoch ein absolutes Tabu, über das man nicht spricht." Damit wächst jedoch das schlechte Gewissen und der Stress.

Schuldbewusstsein plagt Eltern

Bei seiner Arbeit in Kinderschutzzentren hat Hutz erfahren, dass nur wenige Eltern ihr Kind völlig ablehnen. Meistens lehnen sie nur einzelne Verhalten ab, werden aber dermaßen von ihrem Schuldbewusstsein geplagt, dass sie in ihrer Ratlosigkeit ihren Wunsch mit Gewalt durchdrücken oder auch resignieren.

Dabei übersehen die Eltern, dass diese Konflikte oft ganz typische Entwicklungsstadien sind: "Ein Kind lernt laufen, aber darin steckt schon das Weglaufen. Eltern lernen immer ein wenig zeitverzögert, wie sie auf die neue Entwicklung ihres Kindes reagieren können." Gegen die Angst, die Kontrolle über das Kind zu verlieren, helfe nur, mehr Geduld mit sich zu haben.

Austausch unter Erwachsenen

Ganz wichtig sei für Eltern, dass sie sich mit anderen Erwachsenen austauschen können, entweder mit dem eigenen Partner oder anderen Eltern, aber auch in der Erziehungsberatungsstelle. "Nur so können sie die unverdaulichen Gefühle und Konflikte in verdauliche Erfahrungen umwandeln."

Der Weg in die Erziehungsberatungsstelle falle aber vielen Eltern sehr schwer: "Sie empfinden es als eine Art Schuldeingeständnis, versagt zu haben." Die professionellen Helfer wurden von Hutz aufgefordert, ihre Arbeit ständig zu überdenken: "Je besser Helfer ein Problem akzeptieren, desto eher haben Eltern den Mut, ihr Problem offen zu legen." (bik)


Zur Erziehungsberatungsstelle siehe auch VN10 und VN15.

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