"Beide Seiten empfinden sich als zutiefst machtlos"

Avi Rybnicki, Psychoanalytiker aus Israel, berichtet über den Nahost-Konflikt

(erschienen im Weser Kurier, 02.03.2004)


Bremen. Fast jede Nacht leidet ein israelischer Soldat unter Alpträumen: Seit er im Westjordanland bei einer Hausdurchsuchung einem alten palästinensischen Ehepaar begegnete, träumt er, er sei der Nazi, der damals seine Großeltern ins Konzentrationslager verschleppt hat. Zwei tiefe grundverschiedene Konflikte, die sich in seiner Seele vermischen - ein Beispiel für das Trauma, unter dem viele Israelis und Palästinenser leiden.

Fast jede Nacht leidet ein israelischer Soldat unter Alpträumen: Seit er im Westjordanland bei einer Hausdurchsuchung einem alten palästinensischen Ehepaar begegnete, träumt er, er sei der Nazi, der damals seine Großeltern ins Konzentrationslager verschleppt hat. Zwei tiefe grundverschiedene Konflikte, die sich in seiner Seele vermischen - ein Beispiel für das Trauma, unter dem viele Israelis und Palästinenser leiden.

Häufiger Gast in Europa

Avi Rybnicki weiß viel davon zu berichten, und immer wieder kommt der 46-jährige Psychoanalytiker aus Israel nach Europa, um über den israelisch-arabischen Konflikt zu berichten. So auch jetzt wieder auf Einladung des Instituts für angewandte Psychoanalyse und Kulturtransfer zusammen mit dem Dialog Uni Bremen und der jüdischen Gemeinde des Landes.

Trotz des Konfliktes, der sein Leben und seine tägliche Arbeit überschattet, fühlt sich Rybnicki in Israel wohl: 1957 als Sohn polnischer Juden und Auschwitz-Überlebender im bayrischen Regensburg geboren, wuchs er in zwei Welten gleichzeitig auf. "Es war für mich immer klar, dass ich woanders hingehöre", erzählt Rybnicki, der 1977 nach Israel auswanderte. "Wenn es ein Zuhause gibt, dann ist es hier." Mittlerweile lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in Tel Aviv, wo er auch an der Universität lehrt.

Gewaltspirale eskaliert

In seiner Praxis behandelt Rybnicki Patienten, deren persönliche Leiden oft eng mit dem Leiden des jüdischen Volkes insgesamt zusammenhängen. Und er glaubt, dass es Palästinensern ähnlich ergeht: Beide Seiten empfinden den jeweils anderen als "Aggressoren" und reagieren entsprechend feindselig, die Gewaltspirale eskaliert.

Dabei liegen die Anlässe für diesen Konflikt Jahrzehnte zurück: Die Ermordung der Juden im Dritten Reich und die Vertreibung von Palästinensern nach der Staatsgründung Israels 1948 haben viele der heute in Israel lebenden Menschen nicht persönlich erlebt. Dennoch reagieren beide Seiten so, als ob die Ereignisse noch heute stattfänden. "Wenn solche Traumata nicht bearbeitet, sondern nur verdrängt werden können, dann wiederholen sie sich immer wieder", erklärt Rybnicki. Das sei schon beim Einzelnen so, und bei solchen sozialen Katastrophen heile die Zeit die Wunden eben nicht. "Das nicht bearbeitete Trauma zieht immer weitere Kreise."

"Holocaust ist radioaktiv"

Radioaktiv im übertragenen Sinne nennt Rybnicki das: Weil der Holocaust unfassbar ist, werden die psychischen Verletzungen einer Generation kollektiv weitergegeben.

Zwar sei es schwierig, Phänomene aus der Individualpsychologie auf Gruppen zu übertragen, so der Psychoanalytiker. Dennoch zeigten beide Seiten als Kollektiv ähnliche Symptome: "Sie leiden darunter, allein gelassen und unverstanden zu sein, und fühlen sich gleichzeitig als etwas Besonderes."

"Illusion einer Normalität"

Zur Verarbeitung des Traumas könne es oft nicht kommen, hat der Psychologe erfahren: "Wir versuchen die Illusion einer Normalität aufrechtzuerhalten, aber es ist wie die Lavakruste eines aktiven Vulkans: Bei einem neuen Selbstmordattentat kommen sofort wieder alle Ängste hoch." Eine Veränderung der politischen Situation wäre dringend notwendig, so der Friedensaktivist.

Die internationale Staatengemeinschaft müsste sich einmischen, findet er. "50.000 UN-Soldaten auf der grünen Linie zwischen Israel und den besetzten Gebieten würden die Realität verändern". Nur dann könnten vielleicht die Kinder seiner Kinder das Trauma verarbeiten. "Aber ehrlich gesagt, sehe ich dafür keine realistische Chance. Ich habe keine Lösung anzubieten" Wie die meisten Israelis glaube auch er, dass der Konflikt noch Jahrzehnte dauern werde. (bik)



 

Hier geht's zurück