Engagieren statt herumsitzen

Hans und Christine Koschnick seit 47 Jahren ein eingespieltes Team

(veröffentlicht im Weser Report, 29.4.2001)


Bremen. Bremens wohl bekanntester Staatsmann lebt bescheiden: In einem flachen Bungalow in der Gartenstadt Vahr haben sich Hans Koschnick und seine Frau Christine gemütlich eingerichtet. Regelmäßige Gäste: drei Eichhörnchen, die sogar ins Wohnzimmer kommen, um Nüsse zu stibitzen.

Volle Bücherregale zeugen von dem gemeinsamen Hobby des Ehepaares, dazwischen stehen Keramikvasen, die Christine Koschnick sammelt. Auf dem Esstisch türmen sich Papiere und Bücher: Hans Koschnick bereitet gerade eine Rede vor. "Eigentlich ist mein Arbeitsplatz im ehemaligen Kinderzimmer, aber da ich so selten zuhause bin, will mich meine Frau dann auch sehen", scherzt Koschnick.

Experte in Sachen Bosnien

Zuhause ist der 72-Jährige tatsächlich selten: Obwohl seit 1985 offiziell pensioniert, verbringt der Bundesbeauftragte für die Flüchtlingsrückführungen immer noch zehn Tage im Monat in Bosnien. Dazu kommen Konferenzen und Gespräche in Brüssel und Berlin, Expertenrunden in den Medien und so weiter Ruhestand wäre etwas anderes, lacht er.

"Natürlich hätte ich meinen Mann gern öfter zuhause", gibt Christine Koschnick zu. "Aber wenn er seine Erfahrung noch einsetzen kann für Menschen, die ihn brauchen, dann ist mir das lieber, als wenn er gnaddelig hier auf dem Sofa herumsitzt."

Übt jetzt den Opa

Tatsächlich hat er als aktiver Politiker zu wenig Zeit für die Familie gehabt, gibt Koschnick zu. Sohn Peter sei hauptsächlich von seiner Frau erzogen worden. "Dafür übe ich jetzt Opa, auch wenn die zwei Enkel in Wuppertal leben."

So richtig der Familie widmet sich der ehemalige Bürgermeister einmal im Jahr, wenn es für vier Wochen nach Karlshafen an der Weser geht. Dort besuchen sie schon seit Jahren Freunde und gehen wandern. "Die erste Woche ist allerdings immer schrecklich", erinnert sich Christine Koschnick lachend. "Dann hat er regelrecht Entzugserscheinungen und ist unausstehlich." Der Ehemann formuliert es anders: "Die erste Woche ist die Zeit der Abrechnung, dann hält mir meine Frau vor, was ich alles ein Jahr lang versäumt habe, und ich muss ganz zerknirscht sein."

Sie ist seine "Generalsekretärin"

Kleine freundliche Sticheleien gehören zum Alltagston zwischen den beiden. Doch sie sind seit 47 Jahren ein eingespieltes Team. Sie packt seine Koffer, wertet Zeitungen für ihn aus und schickt ihm alles Wichtige hinterher. Er nennt sie die Generalsekretärin seines Büros und seine rechte Hand. Und als vor einigen Jahren im bosnischen Mostar ein Attentat auf ihn verübt wurde, bekräftigte sie ihn, bei den Menschen dort zu bleiben und nicht aufzugeben.

Das Gefühl, verantwortlich zu sein für andere, gibt Hans Koschnick immer wieder Kraft, weiterzumachen. "Ich weiß, dass meine Arbeit auf dem Balkan kein Blabla ist, sondern dass ich wirklich helfen kann." Zum Ende des Jahres hofft er zwar, weniger Zeit auf dem Balkan verbringen zu müssen, doch stattdessen wird er sich verstärkt in die Konfliktforschung einmischen. Seine Frau ist überzeugt: "Ganz ohne Arbeit könnte er nicht leben, und auch ich würde mich ohne den Kontakt zur Welt abgeschnitten fühlen." (bik)

 

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