Ernster Mensch mit Federboa

Lothar Gräbs muss immer noch gegen Vorurteile gegen Travestie kämpfen

(veröffentlicht im Weser Report, 13.5.2001)


Bremen. Wenn Lothar Gräbs auf dem Biedermaier-Sofa in seiner Altbauwohnung sitzt, sieht er wie jeder andere ältere Herr aus. Doch seit zehn Jahren ist er vielen besser bekannt in Frauenkleidern: Gräbs ist Madam Lothár, Besitzer des Travestie-Theaters im Schnoor.

Fast allabendlich steht der 68-Jährige auf der Bühne und präsentiert ein buntes und nostalgisches Show-Programm in bester Cabaret-Manier. Doch privat ist er gar nicht nostalgisch: "Sonst hätte ich überall kleine Spiegel mit Goldrahmen hängen."

Wertvolle Kostüme

Stattdessen finden sich in seiner Wohnung über dem Theater Bücher und Fotos von berühmten Gästen, ein edler Sekretär, eine kostbare Rokoko-Perücke und eine lebensgroße Doggenstatue - eine Erinnerung an die Zeit, als er noch Doggen züchtete. Im Kleiderschrank hängen einige wenige wertvolle Kostüme und Federboas aus dem Theater-Fundus.

Eigentlich sei er eher ein ernsthafter Mensch, betont Gräbs: "Den Humor habe ich mir hart erarbeitet." So wie vieles in seinem Leben: Seine Eltern bestanden darauf, dass er einen "anständigen Beruf" lernt, also wurde er Kellner, Koch, Hotelfachmann.

"Künstlerischer Quatschkram"

Parallel dazu frönte er heimlich seiner eigentlichen Leidenschaft: dem "künstlerischen Quatschkram", wie er es selbst bezeichnet. Er besuchte die angesehene Folkwang-Schule in Essen, lernte Tanz und Gesang. "Ich wollte allerdings nie nur Künstler sein, die Mischung von Gastronomie und Kunst war genau das Richtige."

Anfang der 60-er Jahre kam er nach Bremen, übernahm das berühmte "Astoria", machte sich später selbstständig mit verschiedenen Tanzlokalen wie dem Mickmack an der Albrechtstraße. In dieser Zeit teilte er sein Wissen und seine Erfahrung mit jüngeren Künstlern, baute sie auf, ermutigte sie, weiterzumachen. Ob Chansonier Tim Fischer oder Tranvestie-Größe Mary von Mary & Gordy, alle kamen zu ihm. "Und so bin ich denn auch zur Travestie gekommen", erzählt Gräbs, "ich dachte, ich zeig' ihnen mal, wie es gemacht wird."

Schwerer Rückschlag

Doch kurz nachdem er das Theater in der Kolpingstraße eröffnet hatte, kam ein schwerer Rückschlag: Er bekam eine Trombose, lag zwei Jahre im Krankenhaus, verlor schließlich ein Bein. "Und das passierte mir als Tänzer!" Da habe er zunächst den Mut verloren und wollte alles aufgeben. "Aber es musste ja weitergehen. Und jetzt sehe ich das so distanziert, dass ich sagen kann, okay, ich humpel, dafür haben andere eine krumme Nase oder Haarausfall." Den Haarausfall habe er darüber hinaus auch noch, schmunzelt Gräbs.

Mittlerweile läuft das Travestie-Theater gut - so gut, dass Gräbs und sein Geschäftspartner Matthias Schnaars, der als "MatthiAs" auftritt, kaum zur Ruhe kommen. Zur Entspannung gehen sie ins Theater oder ins Restaurant, gemeinsam reisen sie nach Moskau und New York. Doch immer ist die Freizeit auch Beruf: "Ich will sehen, was andere machen, um aus ihren Fehlern zu lernen."

Will Leute glücklich machen

Eine feste Partnerschaft hatte bislang keinen Platz im Leben von Lothar Gräbs: "Alle Zeit ging in die Kreativität, ein Leben für die Show." Für ihn sei es wichtig, die Leute glücklich zu machen Das Schönste für ihn: Wenn nach einer Show ganz normale Familienväter zu ihm kommen, ihm die Hand küssen und sich entschuldigen für die Vorurteile, die sie gehabt hatten. "Gegen das schlechte Image einer Travestie-Show muss ich sogar im 21. Jahrhundert noch ankämpfen."

Doch für den Perfektionisten mit der eisernen Selbstdisziplin ist das kein Grund aufzuhören. Sein Partner Matthias Schnaars ist überzeugt: "Der Lothar stirbt irgendwann auf der Bühne." (bik)

 

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