Sie liebt Löwen und Russland

Barbara Lison: Stadtbibliothek bringt stets neue Herausforderungen

(veröffentlicht im Weser Report, 27.5.2001)


Bremen. Die schöne Aussicht aus ihrer Wohnung am Osterdeich kann Barbara Lison nur selten genießen: Die Direktorin der Stadtbibliothek hat alle Hände voll zu tun mit dem geplanten Umzug der Zentralbücherei in das ehemalige Polizeihaus. Aber wenn die 44-Jährige mal zuhause ist, dann zieht sie sich mit einem guten Krimi zurück.

Ihre geräumige Drei-Zimmer-Wohnung mit Blick auf Osterdeich, Weser und Wallanlagen ist denn auch voller Bücherregale. Eines davon nur mit russischer Literatur - die studierte Slavistin hat noch immer enge Kontakte in den Osten. Davon zeugen der Samovar und die Lackmal-Arbeiten in der Vitrine und die Lederkästchen, die sie aus dem Baltikum mitgebracht hat.

König der Tiere

Dazwischen finden sich Plüschtiere: Nashörner, Ratten und vor allem Löwen. Der König der Tiere hat es Barbara Lison angetan, Freunde nennen sie auch "Leo". Ob sie denn auch so kämpferisch sei wie ein Löwe? Sie wäre es auf alle Fälle gern. "Ich liebe den Spruch von Seneca: Ohne Feind erschlafft die Tugend."

Die Feinde, oder besser: Herausforderungen, sucht sie sich ständig neu. "Eigentlich bin ich ein fauler Mensch, der das Nichtstun genießt. Deshalb brauche ich dauernd Herausforderungen, die mich wieder hochziehen."

Erfahrungen in Oldenburg

Davon hatte sie in den vergangenen Jahren einige: Nach dem Studium in Bochum versuchte sie sich als Russisch-Lehrerin, dann sattelte sie um auf Bibliothekarin. Fünf Jahre lang leitete sie die Stadtbibliothek in Oldenburg, baute sie um zur Zentralbibliothek. Und seit 1992 macht sie das Gleiche in Bremen. "Man ist nie fertig", weiß Barbara Lison, "man muss Veränderungen zulassen, sonst veraltet man im Kopf."

Ihre sprühenden Ideen versucht sie nicht nur unter ihren Mitarbeitern, sondern auch unter den Politikern zu verbreiten. "Viele denken, ich sei die Herrin der Bücher. Dabei ist es eher mein Job, das Geld für die Bücher zu besorgen." Dass dazu jede Menge Lobby-Arbeit und Repräsentation gehört, stört die 44-Jährigen nicht, sie ist gern ständig im Einsatz für "ihre" Bibliothek. Wenn sie dann berichtet, dass die Bibliothek mit 1,4 Millionen Besuchern im Jahr die bestbesuchte Kultureinrichtung der Stadt ist, ist der Stolz in ihrer Stimme unverhohlen.

Training wie Zähneputzen

Um für den Löwenkampf um Besucher und Sponsoren fit zu sein, geht sie regelmäßig ins Fitness-Studio. "Das ist für mich wie Zähneputzen, macht nicht besonders viel Freude, ist aber nötig." Später, wenn Zeit bleibt, möchte Barbara Lison russische Literatur übersetzen. "Ich spiele gern mit Sprache, und ein Übersetzer ist immer auch ein Mittler zwischen zwei Kulturen." Ob ihr das gelingt, weiß sie noch nicht, aber es wäre eine neue große Herausforderung. (bik)

 

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