Leben für Gott und Gemeinde

Propst Ansgar Lüttel wohnt im Schatten der Kirche / Franziskus als Vorbild

(veröffentlicht im Weser Report, 10.6.2001)


Bremen. Ein Pfarrer ist ständig im Einsatz für seine Gemeinde. Und wenn dieser Pfarrer zudem noch Propst ist und damit sozusagen Oberhaupt der Bremer Katholiken, wie Ansgar Lüttel, dann lässt sich Privatleben und Beruf erst recht nicht trennen. Da ist der Wohnort geradezu symbolisch: Direkt neben der St. Johannis-Kirche, im gleichen Gebäude wie das Pfarrbüro.

Lüttel wohnt seit vier Jahren in dem Haus mitten im Schnoor. Eher spartanische Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer, mehr braucht er nicht. Die meiste Zeit verbringt der 51-Jährige ohnehin unterwegs in der Gemeinde oder im Büro: dunkle Holzmöbel, ein Stehpult, ein aufgeräumter Schreibtisch, Computer und ein meterlanges Bücherregal.

Seelsorge und Verwaltung

Von hier betreut er die gut 60.000 Katholiken in der Hansestadt. Denn der Propst ist nicht nur Pfarrer an der Propsteikirche St. Johannis, sondern auch Leiter der Seelsorge, Vorsitzender der Gemeindeverwaltung und Vorsitzender des Caritas-Verbandes Bremen in Personalunion. "Eigentlich empfinde ich mich als Seelsorger, aber die verwalterischen Aufgaben häufen sich natürlich." Trotzdem ist er auch weiterhin von Taufen bis zu Beerdigungen in der Gemeinde aktiv.

Geboren im katholischen Emsland, hatte Ansgar Lüttel schon früh den Wunsch, Priester zu werden. Doch die Entscheidung, sagt der Propst nachdenklich, muss immer wieder neu getroffen werden. Denn dieser Beruf ist, mehr als andere, eine Berufung. "Wer seine spirituelle Grundlage verliert, ist nur noch ein Funktionär, kein Priester."

Kloster auf Zeit

Jedes Jahr fährt der Propst in ein schwedisches Kloster, um seine Beziehung zu Gott wieder aufzufrischen. Eine Woche Stille, Gebete, Meditation. "Länger komme ich leider nicht heraus aus meinen Verpflichtungen." Doch für immer ins Kloster zu gehen - das wäre für Lüttel nichts. "Meine Position ist in der Gemeinde, mit den Menschen."

Wenn er nicht nach Skandinavien fährt, besucht er im Urlaub gern Israel und Rom - "auch unabhängig von religiösen Bezügen, um meinen Horizont zu erweitern." Und wenn er in Italien ist, darf ein Abstecher nach Assissi nicht fehlen: Ansgar Lüttel verehrt den Heiligen Franziskus, dessen Kreuz sowohl in seiner Eingangshalle als auch neben dem Bücherregal hängt. "Franziskus verlässt sich allein auf Gott und verzichtet auf jeden Besitz. Das bewundere ich sehr."

"Kirche nicht verschanzen"

Darüber hinaus haben die Franziskaner vor Jahrhunderten auf dem Grundstück der heutigen St. Johannis-Kirche ein Kloster gebaut - alte Stiche und Zeichnungen im Flur zeugen davon. Ansgar Lüttel gefällt es gut, dass die Bremer Kirche mitten in der Stadt steht: "Eine Stadtgemeinde ist anonymer als eine Dorfgemeinde, aber es ist auch eine Herausforderung, die Menschen trotzdem zu erreichen", sagt Lüttel. "Die Kirche darf sich nur nicht verschanzen hinter ihren dicken Mauern."

In seiner seltenen Freizeit setzt sich der Geistliche gern in den Garten des Pfarrgebäudes, liest, geht in den Wall-Anlagen oder an der Weser spazieren. "Leider benutze ich nie das Rad, auch wenn das besser für meine Gesundheit wäre - ich bin eher ein Bewegungsmuffel."

Nachwuchs fehlt

Ein Leben für Gott und die Gemeinde - wie lange will Lüttel noch als Propst tätig sein? "Mein Bischof erwartet von uns, dass wir bis 70 arbeiten", sagt Ansgar Lüttel lächelnd. Denn der Nachwuchs fehlt in der Branche. Und: "Wer seinen Beruf als Berufung versteht, kann nicht einfach einen Schnitt machen, der Job gehört zum Leben." (bik)

 

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