Schmerzensgeld für Pfusch

Patienten müssen für ihr Recht kämpfen / 46 Fehlbehandlungen bestätigt

(veröffentlicht im Weser Report, 5.8.2001)


Bremen. Das OP-Tuch, das im Körper des Patienten vergessen wird, der gesunde Arm, der aus Versehen operiert wird - Ärztepfusch macht immer wieder Schlagzeilen. Auch in Bremen gibt es solche Fälle, bei denen die geschädigten Patienten den Fehler oft erst beweisen müssen. Seit eineinhalb Jahren kümmert sich die AOK Bremen / Bremerhaven darum, diesen Patienten den Rücken zu stärken - mit gutem Erfolg.

"Behandlungsfehlermanagement" heißt das Projekt, für das ein AOK-Mitarbeiter ständig eingesetzt ist. Und der hat viel zu tun: Rund 50 Gespräche allein in den ersten drei Monaten diesen Jahres hat er mit Patienten geführt, die sich beschwert hatten, insgesamt sind es mehr als 250 Fälle.

Gutachten in Auftrag

Stellt sich bei den ersten Nachforschungen heraus, dass tatsächlich Pfusch oder Fehlbehandlung vorliegen könnte, gibt die AOK ein Gutachten beim medizinischen Dienst der Krankenversicherungen in Auftrag. Von 166 Gutachten, die seit Ende 1999 erstellt wurden, bestätigten 46 tatsächlich ärztliche Fehlbehandlungen - eine nicht unerhebliche Quote, sagt Manfred Adryan, Privatkunden-Direktor bei der AOK. "Das alte Sprichwort, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, stimmt nicht, wenn ein Viertel aller Gutachten im Sinne der Patienten ausfällt."

Für die Versicherten sind die Gutachten kostenfrei. "Nur privatrechtlich klagen müssen sie selbst, das dürfen wir Krankenversicherungen nicht", erklärt Adryan.

Kasse wird aktiv

Anders als andere Kassen wird die AOK auch selbst aktiv, erkärt er. "Wenn uns auffällt, dass mehrmals wegen der gleichen Diagnose behandelt wird, versuchen wir von uns aus zu klären, ob gepfuscht wurde oder einfach ein schicksalhafter Verlauf vorliegt, für den niemand etwas kann."

Die Erfolge können sich sehen lassen: So wurde in einem Fall, bei dem ein Patient durch einen Narkosefehler zum Pflegefall wurde, 210.000 Mark Schmerzensgeld zugestanden. In einem anderen Fall erlitt ein Patient durch eine Schlickbehandlung Verbrennungen und erhielt von der Versicherung außergerichtlich 2.000 Mark Schmerzensgeld. Andere Beispiele aus der Praxis: Während einer Operation wurde die Sauerstoffzufuhr unterbrochen, bei einer anderen Operation wurde vergessen, eine Tetanus-Spritze zu geben.

Eigene Kosten senken

Neben dem Service-Gedanken ist der Krankenkasse auch daran gelegen, ihre eigenen Kosten zu minimieren. Fast 2,2 Millionen Mark haben die Versicherungen der AOK erstattet: Für die Schlick-Packung waren es 400 Mark, für den Patienten, der durch einen Narkosefehler zum lebenslangen Pflegefall wurde, zahlte die Versicherung sogar 850.000 Mark an die Kasse - so viel wird die Betreuung in den nächsten Jahren kosten. (bik)

 

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