"Der Zug ist zum Glück noch nicht abgefahren"

Kritik am Gesetzentwurf zur Pflegeheim-Qualität

(veröffentlicht im Weser Report, 21.3.2001)


Bremen. Die Pflege der Bewohner sollte zentrales Anliegen von jedem Altenheim sein. Doch die Pflegerinnen haben oft zu wenig Zeit dafür. Bereits heute müssen sie jeden Arbeitsschritt schriftlich festhalten. Das kostet auch Zeit. Diese Bürokratie wird mit einem geplanten Bundesgesetz weiter zunehmen, befürchten die Wohlfahrtsverbände.

Mit dem Kabinettsentwurf sollte ursprünglich die Überprüfung der Qualität verbessert werden, um "schwarze Schafe" in der Branche zu entdecken. Aus Sicht der Praktiker ist jedoch das Gegenteil herausgekommen: "Die zahlreichen neuen Rechtsverordnungen würden die funktionierende Selbstkontrolle ersetzen", sagt Doris Fuhrmann, Referatsleiterin für stationäre Pflegeeinrichtungen bei der Arbeiterwohlfahrt.

"Mehr Bürokratie nicht gleich mehr Qualität"

"Zu viel dirigistisches Hineinkontrollieren", bemängelt auch Werner Fühner-Walbelder, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände Bremen. "Wir haben nichts gegen Überprüfungen, aber mehr Bürokratie gewährleistet nicht mehr Qualität."

Gefährlich sei vor allem die gesetzliche Forderung, dass alle Pflegeheime bundesweit vergleichbar sein sollen, warnt Doris Fuhrmann: "Dadurch sollen indirekt die Kosten für die Pflege gesenkt werden, und das bedeutet Personalabbau."

Mehr statt weniger Personal nötig

Mit weniger Personal sei aber keine bessere Pflege möglich. Im Gegenteil, bestätigt Gabriele Becker-Rieß, Mitarbeiterin des Qualitätscontrolling der Bremer Heimstiftung: "Untersuchungen, in denen der tatsächliche pflegerische, medizinische und psychosoziale Bedarf ermittelt wurde, zeigen, dass immer mehr Personal für die zunehmend altersverwirrten Bewohner nötig ist."

Zurzeit bemühen sich die Wohlfahrtsverbände bundesweit, noch Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Nach einem Treffen der Bremer Verbände mit den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Volker Kröning und Konrad Kunick zeigt sich Werner Fühner-Walbelder aber sehr zuversichtlich: "Der Zug ist zum Glück noch nicht abgefahren."

 

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