Workaholic mit Heimweh

Wirtschaftswissenschftler Rudolf Hickel zieht es stets nach Hause

(veröffentlicht im Weser Report, 25.3.2001)


Bremen. Rudolf Hickel sitzt an seinem zwölf Meter langen Schreibtisch zwischen Zeitungsstapel und Computer. Sein Blick fällt aus dem Dachfenster auf eine Pferdeweide und die grünen Wiesen bei Borgfeld. Die Landschaft gefällt dem Wirtschaftswissenschaftler gut - auch wenn der gebürtige Schwabe von Zeit zu Zeit den "Flachlandkoller" bekommt.

Dann muss der 59-Jährige Berge sehen. Ansonsten fühlt er sich in Bremen aber "sauwohl". So wohl, dass er nach seinen bundesweiten Vorträgen, Fernsehauftritten und Expertenrunden, zu denen er immer wieder eingeladen wird, möglichst abends noch zurück fährt. "Ich habe mittlerweile eine Hotel-Phobie. Mich zieht's nach Hause."

Faible für ästhetische Fundsachen

Hier in der Borgfelder Doppelhaushälfte mit Parkettboden und Ölbildern von Bremen lebt er mit seiner Frau Sabine. Um den Garten kümmert sich die 52-Jährige, sein Faible dagegen sind alte Dinge: Lampen, Marienstatuen und andere ästhetsich schöne Fundsachen, die er auf Dachböden oder Flohmärkten aufstöbert.

Die Lehrerin unterstützt den umtriebigen Wirtschaftsprofessor auf ihre Weise: "Meine Frau hat eher ein kritisches Verhältnis zu dem, was ich mache, bürstet auch schon mal dagegen." Am Anfang jedes Monats gehen sie seine Termine durch, und sie bremst ihn, wenn er sich zu viel auflädt. "Den Ausdruck Workaholic mag ich zwar nicht, aber es passt wohl." Entspannen kann er sich nur schwer. Im Urlaub allerdings ist er wie ausgewechselt, erzählt er: "Dann liegen wir im Süden Mallorcas am Naturstrand, lesen und faulenzen."

Vater war berühmter Geiger

Ablenkung findet er auch bei einem Opernbesuch: "Das Musikalische habe ich von meinem Vater, der Geiger war und schon mit Arthur Rubinstein zusammen spielte." Trotzdem hat Rudolf Hickel nie ein Instrument gelernt - "mein Vater war ein schlechter Lehrer, er mochte keine falschen Töne."

Und dann betont der Wirtschaftswissenschaftler die Bedeutung von Kultur für die Lebensqualität, kommt auf seine Lieblingsthemen von Finanz- und Steuerpolitik zu sprechen. Er weicht gern aus vom Privaten zum ständig präsenten Beruflichen.

Lehre hält intellektuell wach

"Ich höre oft den Vorwurf, ich hätte zu allem etwas zu sagen", sagt Hickel. Tatsächlich könne er vieles kommentieren, da die Wirtschaftswissenschaft mit allem zusammenhänge. Und das tut er dann auch gern. Sein Wissen möchte der Gründungsvater der Bremer Universität so lange wie möglich weitergeben. Forschung und Lehre halten ihn intellektuell wach. Auch wenn die Studenten heute karrierebewusster seien als in der Zeit der 68-er-Revolte, die ihn stark prägte: "Ich bin sicher, dass das Pendel auch wieder umschlagen wird." (bik)

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