Per E-mail Kontakt zur Schule

Schausteller-Kinder wechseln oft die Schule / "In jeder Stadt Freunde"

(veröffentlicht im Weser Report, 24.10.2001)


Bremen. Der Freimarkt ist besonders für Kinder ein grožer Spaß. Die Kinder der Schaustellerfamilien sind da keine Ausnahme. Allerdings ist bei ihnen Alltag, was für andere ein einmaliges Vergnügen ist. Janny und Hans zum Beispiel ziehen mit ihren Eltern Thilo und Tanja Vespermann von Februar bis Dezember durch halb Deutschland. Zurzeit machen die beiden Neun- und Elfjährigen die Bürgerweide unsicher.

Vormittags müssen sie jedoch die Schulbank drücken, wie alle Kinder. Hans besucht die Grundschule an der Admiralstraße, sein älterer Bruder Janny eine Orientierungsschule. Alle Schaustellerkinder besuchen diese Schulen zusammen. "Eigentlich wäre zwar jetzt die Schule am Weidedamm zuständig", erklärt Tanja Vespermann, die mit ihrem Mann zusammen den maritimen Ausschank "Kajüte" betreibt, "aber in der Admiralstraße kennt Hans schon die Mitschüler, und es ist ja sowieso das letzte Mal, bevor er in eine weitergehende Schule kommt. Das wurde dann auch akzeptiert."

Keine Integrationsprobleme

Dass sie nur wenige Wochen in einer Stadt sind, finden die beiden Brüder nicht schlimm. Integrationsprobleme kennen sie nicht. "Wir haben überall viele Freunde, die wir immer wieder sehen", erklärt Hans. Und mit den anderen Schaustellerkindern jagen Hans und Janny über den Markt. "Angst muss ich nicht haben", ist sich Mutter Tanja sicher. "Die wachsen mit den Risiken auf."

Wichtig ist aber natürlich auch, dass sie mit dem Unterrichtsstoff mithalten. Manchmal sei das schwierig, erzählt Hans, wenn zum Beispiel die Cuxhavener Kinder bis 10.000 rechnen, die Bremer Mitschüler aber schon bis 100.000 gelernt haben. Doch dafür haben sie ihre Mutter, die nachmittags ihre Hausaufgaben überwacht oder mit den Söhnen zur Nachhilfe fährt.

"Schaustellerkinder sind nicht dumm"

Wenn die Familie mit ihrer "Kajüte" über die Jahreswende für zwei Monate pausiert und die Kinder ihre Stammschule in Hambergen besuchen, dann müssen sie sich besonders gut vorbereiten, um den Anschluss zu schaffen. Dabei hilft ihnen das Internet, erklärt der Vater: "Die Lehrer aus Hambergen schicken uns eine Email, wie weit die Klasse jeweils ist, und dann müssen die Jungs den Stoff nachholen." Eine logistische Höchstleistung sei diese Organsiation, aber die Kinder sollten ja eine gute Ausbildung bekommen. "Früher hieß es immer, Schaustellerkinder seien dumm, aber das stimmt heute nicht mehr."

Wenn es nach Thilo Vespermann geht, sollen die Jungs einmal das Geschäft übernehmen, so wie er von seinen Eltern übernommen hat. "Ich kenne viele Kinder, die eine Banklehre machen und seßhaft werden wollten, aber die kommen alle wieder zurück auf die Reise." Das sei einfach ein anderes Leben, sind sich die Vespermanns sicher: "Wenn wir drei Wochen an einem Fleck sind, dann kribbelt es schon wieder." (bik)

Externe Links:

 

Hier geht's zurück zum Weser Report