Manipulation beim TÜV?

Kritiker: "Idiotentest" ist nicht objektiv / Gutachter werden unter Druck gesetzt

(veröffentlicht im Weser Report, 28.3.2001)


Bremen. Ein Bier zu viel und dann mit dem Auto nach Hause - weg ist der Führerschein. Jährlich verlieren Hunderte Bremer ihre Fahrerlaubnis wegen Alkohols. Dann müssen sie zur medizinisch-psychologischen Untersuchung, auch "Idiotentest" genannt, und eventuell noch zur Nachschulung. Seit 1999 ist eine Trennung von Untersuchung und Schulung per Gesetz vorgeschrieben. Doch Kritiker werden dem TÜV Nord, dem größten Anbieter in diesem Bereich, vor, diese Trennung sei nur formal.

Nach der Begutachtung durch Psychologen des TÜV Nord erhält der Untersuchte eine Information mit Empfehlungen, wer entsprechende Therapien anbietet. Zwar werden auch andere Träger genannt wie das Institut für Schulungsmaßnahmen (IfS), die TÜV-Tochterfirma Nord-Kurs wird jedoch besonders hervorgehoben.

Enge Verflechtung von TÜV und Nord-Kurs

Der IfS-Geschäftsführer Paul Brieler ist überzeugt, dass die meisten Alkohol-Auffälligen eher unfreiwillig bei Nord-Kurs landen: "Sie sind eingeschüchtert und glauben, dass sie bessere Chancen haben, wenn sie auch die Nachschulung beim TÜV machen." Außerdem werde ihnen die Anmeldung leicht gemacht: Nord-Kurs und der TÜV Nord benutzen dieselben Räume am Schüsselkorb.

Die enge Verflechtung zeige sich auch im Personal: Die Psychologen, die als TÜV-Gutachter arbeiten, sind ebenfalls als Kursus-Moderatoren bei Nord-Kurs tätig. Zwar werde vom Bau- und Umweltressort kontrolliert, dass Gutachter und Moderator nicht identisch sind. Der Druck laufe jedoch subtiler, sagen die Kritiker: In einem internen Schreiben würden die die TÜV-Gutachter darauf hingewiesen, dass angesichts sinkender Zahlen von Alkoholfahrten möglichst viele negative Gutachten mit Nachschulungsempfehlungen ausgesprochen werden sollen. Dass ein Gutachten unter diesen Umständen nicht objektiv sein könne, liege auf der Hand, protestiert Brieler.

Zahlenspiel macht stutzig

Der TÜV Nord wehrt sich gegen diese Vorwürfe. "Würde das stimmen, wäre die Anzahl von Schulungen in den vergangenen Jahren gestiegen", argumentiert Dr. Jürgen Müller-Wickop, Leiter des TÜV in Hamburg. Tatsächlich sei die Zahl jedoch konstant geblieben.

Doch gerade dieses Zahlenspiel macht die Kritiker stutzig: Auf der einen Seite fallen immer weniger Autofahrer wegen Alkohols auf. Gleichzeitig tummeln sich in diesem Bereich immer mehr Schulungsanbieter. Trotzdem bleibt die Zahl der Schulungen, die der TÜV Nord durch die Nord-Kurs GmbH anbietet, ungefähr gleich.

"TÜV gräbt Mitbewerbern Wasser ab"

"Durch entsprechende Gutachten und Werbung im eigenen Haus gräbt der TÜV den Mitbewerbern das Wasser ab", ist der Geschäftsführer des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen, Jörg-Michael Sohn, überzeugt. "Aber die zuständigen Ministerien und Senatsstellen berufen sich darauf, dass ja die formale Trennung vollzogen ist." (bik)

 

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